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Gehorsam
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âUnter Gehorsam versteht man die Ausrichtung der eigenen Willens- und Handlungsentscheidungen an einer ĂŒbergeordneten Instanz, wobei diese Instanz eine (gesetzliche oder sittliche) Regel, ein religiöses Gebot, eine Person oder auch Gott selbst sein kann.âcite-ref-1[1] Die besondere Beziehung der Instanz zum Gehorchenden, die ihren Anspruch auf Gehorsam begrĂŒndet, wird als AutoritĂ€t bezeichnet. Von AutoritĂ€t sorgfĂ€ltig zu unterscheiden ist Zwang, der ebenfalls auf Gehorsam zielen kann.cite-ref-2[2]
Synonyme fĂŒr Gehorsam sind Folgsamkeit, FĂŒgsamkeit und GefĂŒgigkeit. Das Gegenteil von Gehorsam ist Ungehorsam.
Der Gehorsamsbegriff spielt eine zum Teil zentrale Rolle unter anderem im MilitĂ€rwesen, in der Theologie, in der politischen Philosophie, in der PĂ€dagogik, in der Psychologie, in der Soziologie, in der Medizin, in der Ăkonomie und im Recht. In den drei letztgenannten Bereichen spricht man heute meist von Compliance.
Contents
âą Etymologie
âą Altertum
âą Mittelalter
âą FrĂŒhe Neuzeit
âą 19. Jahrhundert
âą 20. Jahrhundert
âą Instanzen
âą Geschichte
âą Gegenwart
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Etymologie
Das Adjektiv gehorsam und das daraus abgeleitete Substantiv Gehorsam existieren bereits im Althochdeutschen als (ga)hĂŽrsam, gihĂŽrsam bzw. (gi)hĂŽrsamĂź.cite-ref-3[3] Grundlage ist das ahd. Verb hĂŽrran, hĂŽran, das auf ein rekonstruiertes protogermanisches *hauzjan, *hausjan zurĂŒckgeht und âhörenâ, âzuhörenâ, âFolge leistenâ bedeutet. Im Mittelhochdeutschen bilden sich die Formen (ge)hĂŽrsam bzw. gehĂŽrsam(e) heraus, wobei das Substantiv bis in diese Zeit ein Femininum war.cite-ref-4[4]cite-ref-5[5] Entsprechendes wie fĂŒr gehorsam/Gehorsam gilt fĂŒr das Adjektiv ungehorsam (ahd. un[gi]hĂŽrsam â mhd. un[ge]hĂŽrsam und das Substantiv Ungehorsam (ahd. un[gi]hĂŽrsamĂź â mhd. un[ge]hĂŽrsam[e]).cite-ref-6[6] Als gehoorzaam bzw. gehoorzaamheid erscheinen das Adjektiv gehorsam und das Substantiv Gehorsam auch im NiederlĂ€ndischen.cite-ref-7[7]
Das Verb horchen (englisch hark) ist eine Frequentativbildung von hören, die sich als hĂŽrchen, horchen erstmals im Mittelhochdeutschen nachweisen lĂ€sst.cite-ref-8[8] Auch die abgeleitete Form gehorchen (ursprĂŒnglich: â[verstĂ€rktes] horchenâ) erscheint zuerst im 13./14. Jahrhundert.cite-ref-9[9]
Das Verb folgen (protogermanisch *fulgÄn, *fulgÇŁn â ahd. folkĂȘn, folgĂȘn, folgĂȘta â mhd. volgen) wird von Anfang an auch im Sinne von âgehorchenâ verwendet.cite-ref-14[14]cite-ref-15[15] Die Adjektivbildung folgsam dagegen erscheint als Synonym zu âgehorsamâ erst im 18. Jahrhundert, etwa in Friedrich Schillers Drama Don Karlos.cite-ref-16[16]cite-ref-17[17] Die reflexive Form des Verbs fĂŒgen (protogermanisch *fĆgjan â ahd. fuokan, fuogan, fuagan, foakan, foagan â mhd. fĂŒegen, vĂŒegen) â sich fĂŒgen â bezeichnet seit dem 17. Jahrhundert auch ein nachgebendes Sichdreinfinden.cite-ref-18[18]cite-ref-19[19]
Geschichte des Gehorsamsbegriffs in der Westlichen Welt
Altertum
Altes Testament und Judentum
Im Tanach, der Sammlung heiliger Schriften des Judentums, die als Altes Testament vom Christentum ĂŒbernommen wurde, ist es vor allem Gott, der immer wieder Gehorsam fordert (z. B. 5. Mose 13,5 , 1. Samuel 15,22 , Jeremia 38,20 ). Zu den exemplarischen Gottgehorsamen in diesen Texten zĂ€hlt Abraham, der auf Gottes Befehl hin bereit ist, seinen jĂŒngsten Sohn Isaak zu opfern â was Gott im letzten Moment verhindern lĂ€sst (siehe Bindung Isaaks, 1. Mose 22,1â19 ). Ein weiteres Beispiel findet sich in der ErzĂ€hlung ĂŒber Mose, der sich als einfacher Schafhirte anfangs gar nicht geeignet fĂŒhlt, die Kinder Israels aus der Ă€gyptischen Gefangenschaft zu befreien (Auszug aus Ăgypten), Gottes Ruf dann aber doch folgt (2. Mose 3,11 ). Ijob lĂ€sst nicht nach, Gott zu gehorchen und treu zu bleiben, obwohl dieser ihn mit einer Reihe furchtbarer Leiden prĂŒft (Ijob 1â42 ). Lots Frau erstarrt, nachdem sie sich wĂ€hrend der Flucht aus Sodom verbotenerweise umblickt, zur SalzsĂ€ule (1. Mose 19,15â26 ).
Der Gottgehorsam erfordert, wie ebenfalls bereits im Alten Testament gezeigt wird, gelegentlich auch Ungehorsam gegenĂŒber weltlichen Instanzen: So gehorcht Daniel Gottes Gebot, zu ihm zu beten, obwohl König Darius ihn dafĂŒr in die Löwengrube werfen lĂ€sst; dem Tode entgeht er nur, weil Gott ihn schĂŒtzt (Daniel 6,8â24 ). In 2. Mose 1,15â17 widersetzen die gottesfĂŒrchtigen hebrĂ€ischen Hebammen sich der Anordnung des Pharao, die mĂ€nnlichen Neugeborenen zu töten.
Nach dem Talmud hat Gott Mose am Berg Sinai nicht nur die Zehn Gebote, sondern auch die 613 Mitzwa gegeben, die Gebote und Verbote, die seitdem fĂŒr alle Juden verbindlich sind.cite-ref-20[20] Der Gesetzesgehorsam, der Gott hier von den Kindern Israels einfordert, ist Teil des Sinaibundes, der neben dem Noach- und dem Abrahamsbund eine der theologischen Grundlagen der jĂŒdischen Religion ist.cite-ref-21[21]cite-ref-22[22]
Antikes Griechenland
Eines der ersten stehenden Heere, von denen bekannt ist, dass die Soldaten exerzieren mussten, war das spartanische Heer, das seit der Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. als das stÀrkste in Griechenland galt. MilitÀrischer Gehorsam, also das (spÀter meist durch Dienstvorschriften erzwungene) Befolgen militÀrischer Befehle, ist spÀtestens seit dieser Zeit als eine der unabdingbaren Voraussetzungen des Erfolges militÀrischer Operationen anerkannt.cite-ref-23[23]
Die griechische Mythologie ist voll von Geschichten, in denen die Götter, insbesondere Zeus, Menschen oder gelegentlich auch andere Götter mit grausamen Strafen belegt haben, weil sie sich ihnen nicht gefĂŒgt haben, darunter etwa Sisyphos, Lykurg, die Danaiden, Ixion, Leto, Aktaion, Tantalos, Niobe und Prometheus.cite-ref-24[24] Pandora öffnet, obwohl Zeus dies verboten hat, die ihr anvertraute BĂŒchse, die alle Ăbel der Welt sowie die Hoffnung enthĂ€lt.cite-ref-25[25]
Aischylos erwĂ€hnt in seiner Tragödie Sieben gegen Theben (467 v. Chr.) eine Göttin Peitharchia (ΠΔÎčΞαÏÏÎčα), eine Personifizierung des Gehorsams.cite-ref-26[26] Die bedeutendste altgriechische Tragödie zum Thema Ungehorsam ist aber Sophoklesâ Antigone (442 v. Chr.) ĂŒber die gleichnamige Königstochter, die die Herrschaft des Tyrannen Kreon nicht anerkennt und sich nach dem Tode ihres Bruders Polyneikes ĂŒber Kreons Verbot, den Bruder zu beerdigen, hinwegsetzt.cite-ref-27[27]
Sokratesâ (469â399 v. Chr.) BeitrĂ€ge zur politischen Philosophie, die auch ein Nachdenken ĂŒber den Gehorsam einschlieĂen, sind u. a. in der Politeia seines SchĂŒlers Platon ĂŒberliefert. FĂŒr Sokrates bestanden die Grundvoraussetzungen fĂŒr ein gesundes Staatswesen erstens in der Einsicht in das feststehende sittliche Ziel des Staates und zweitens im Gehorsam gegen das von den Einsichtigen geschaffene Gesetz, der ihm als Einsicht galt. Da er nicht erwartete, dass umgekehrt alle einsichtig und folglich gehorsam sein wĂŒrden, schloss Sokrates auch Zwang nicht aus.cite-ref-28[28] Freilich verteidigte Sokrates den Gehorsam nicht um seiner selbst willen, sondern er gilt im Gegenteil sogar als theoretischer BegrĂŒnder des Konzepts des zivilen Ungehorsams; denn wie Sokrates aufgewiesen hat, ist es im Falle einer Normenkollision möglich, aus GewissensgrĂŒnden eine ungerechte Norm zu verletzen, um anderen Normen zu gehorchen, und dabei auch eine Strafe zu akzeptieren. Die Verfassung werde dadurch nicht in Frage gestellt, sondern geprĂŒft und geschĂŒtzt.cite-ref-29[29]cite-ref-30[30]
Platon (428/427â348/347 v. Chr.) schlug in seiner um 375 v. Chr. verfassten Politeia vor, im idealen Staat einen Stand von âHelfernâ (Kriegern und WĂ€chtern) zu schaffen, die âgleichsam als Hunde aufgestelltâ werden und den Regierenden gehorsam sein sollen.cite-ref-31[31] In seinem staatsphilosophischen SpĂ€twerk Nomoi schrieb er:
âIn Bezug auf das Kriegswesen wĂ€re mancher gute Rat zu erteilen und manches gute Gesetz zu erlassen. Das Wichtigste aber wird dies sein, dass niemand, weder Mann noch Weib, je ohne FĂŒhrer handle, und dass keine Menschenseele sich daran gewöhne, weder im Ernst noch im Scherz, fĂŒr sich allein zu handeln, vielmehr nicht bloĂ im Kriege, sondern auch in der ganzen Friedenszeit stets auf ihren AnfĂŒhrer hinblicke, ihm in jeder Hinsicht nachfolge und sich auch im Kleinsten von ihm leiten lasse, wie wenn er befiehlt still zu stehen oder zu marschieren, sich zu ĂŒben, zu baden, zu speisen, in der Nacht aufzustehen um Wache zu halten oder AuftrĂ€ge von ihm entgegenzunehmen, im Gefecht sich weder auf Verfolgung einlasse noch an RĂŒckzug denke ohne ausdrĂŒckliches GeheiĂ der FĂŒhrer, mit einem Wort, dass jedermann seine Seele durch Gewohnheit dahin bringt, dass sie weder weiĂ noch begreift wie jemand ĂŒberall fĂŒr sich selber ohne Gemeinschaft der Ăbrigen handeln könne, sondern dass alle möglichst stets auf einem Haufen bleiben und zusammenwirken und ihr Leben eine möglichst vollkommene Gemeinschaft bilde. [âŠ] Darum muĂ es denn auch in Friedenszeiten gleich von Kindheit auf eingeĂŒbt werden, dass wie einerseits befohlen, so andererseits gehorcht wird, und weder Mensch noch Tier, soweit die letzteren unter der Herrschaft der Menschen stehen, muĂ jemals glauben lernen ohne Befehl und Gehorsam leben zu dĂŒrfen.â
â
Platon
:
Nomoi, 12. Buch
Karl Popper warf Platon spĂ€ter vor, hier das Urmuster des totalitĂ€ren Denkens schlechthin geschaffen zu habencite-ref-33[33] â eine EinschĂ€tzung, die sowohl Beifall als auch Kritiker gefunden hat.cite-ref-34[34]cite-ref-35[35]
Aristoteles (384â322 v. Chr.) unterschied zwischen einer Regierungsgewalt einerseits, die ausschlieĂlich unter freien Menschen stattfinde, und einer Herrengewalt andererseits, die solche Menschen betreffe, die von Natur aus Knechte seien.cite-ref-36[36] Ăber die erstere schrieb er u. a. in der Nikomachischen Ethik, wo er als die wichtigsten Eigenschaften eines Staatsangehörigen die TĂŒchtigkeit und den Gehorsam gegen die Gesetze nennt,cite-ref-37[37] wobei er den letzteren nicht mit strafender Strenge, sondern mit individuellen Erziehungsmitteln und mit Liebe durchsetzen wollte.cite-ref-38[38] Grundlegendes zur Herrengewalt hat Aristoteles in Politik und Fragment der Oeconomik formuliert. Er war ĂŒberzeugt, dass einige Menschen von Natur zum Herrschen, andere dagegen zum AusfĂŒhren und Gehorchen bestimmt seien:
âDenn der, welcher durch seinen Verstand die Handlungen der Menschen, mit Vorsicht in die Zukunft, leiten kann, ist von Natur zum Herrschen bestimmt und zum Herrn gemacht; der aber, welcher, durch seine körperlichen KrĂ€fte, das auszufĂŒhren im Stande ist, was jener vorgesehen hat, ist von Natur gemacht zum Gehorchen, also zum Knecht oder Diener.â
â
Aristoteles
:
Politik und Fragment der Oeconomik, S. 5
Frauen stellt Aristoteles auf eine Stufe mit Knechten und berichtet abschĂ€tzig ĂŒber die âBarbarenâ, dass diese zwischen Frauen und MĂ€nnern deshalb keinen Unterschied machen, âweil sie ĂŒberhaupt alle Sclaven sind, und den Theil, der zum Herrschen gemacht ist, nicht haben.âcite-ref-40[40] Das VerhĂ€ltnis von Mann und Frau vergleicht er mit dem zwischen dem Menschen und den Tieren:
âDie zahmen sind ihrer Natur nach besser als die wilden: allen aber ist es gut, wenn sie dem Menschen gehorchen, denn alsdann erst sind beyde sicher. Eben so verhĂ€lt sich das Weib zum Mann. Dieser ist von Natur stĂ€rker, jenes schwĂ€cher; also muss dieses gehorchen, jener regieren.â
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Aristoteles
:
Politik und Fragment der Oeconomik, S. 26
An spĂ€terer Stelle im selben Text erklĂ€rt Aristoteles, dass das VerhĂ€ltnis von Mann und Frau sich von dem zwischen Herrn und Knecht auch insofern unterscheide, als es â ebenso wie das VerhĂ€ltnis von Vater und Kindern â ein VerhĂ€ltnis zwischen Freien sei. Beim VerhĂ€ltnis zwischen Vater und Kindern sieht er Ăhnlichkeit mit dem monarchischen Regiment, bei dem von Mann und Frau dagegen mit dem republikanischen. Dass die Geschlechter sich, wie republikanische VerhĂ€ltnisse es eigentlich nahelegen, in ihrer FĂŒhrungsrolle abwechseln, schlieĂt Aristoteles aber mit dem Argument explizit aus, dass der Mann der Frau an Ansehen ĂŒberlegen sei.cite-ref-42[42] In der Nikomachischen Ethik beschreibt er das VerhĂ€ltnis der Geschlechter als aristokratisch: âDenn der Mann herrscht gebĂŒhrender Weise, und zwar auf dem dem Manne zustehenden Gebiete, und ĂŒberlĂ€Ăt dagegen der Frau was sich fĂŒr diese schickt.âcite-ref-43[43] Auch dass Mann und Frau Freunde sein können, hebt die Tatsache der mĂ€nnlichen Ăberlegenheit fĂŒr Aristoteles nicht auf.cite-ref-44[44]
Römisches Reich
Im römischen Recht wurde dem mĂ€nnlichen Familienoberhaupt â dem pater familias â besondere Herrschaftsmacht (patria potestas) zugestanden. AuĂer seinen Kindern und Adoptivkindern hatten ihm auch seine Sklaven zu gehorchen. Die Ehefrau dagegen schuldete ihm Gehorsam nur, wenn die Ehe als Manusehe geschlossen war. Die Herrschaftsmacht war gleichzeitig eine sakrale, eine besitzrechtliche und eine praktische, letzteres insofern, als der pater familias ĂŒber die Mitglieder seines Haushalts nahezu ohne EinschrĂ€nkungen bestimmen konnte.cite-ref-45[45]cite-ref-46[46]cite-ref-47[47] Bis zum Jahre 374 war die patria potestas ein Recht ĂŒber Leben und Tod, das weder zivilrechtlich noch strafrechtlich eingeschrĂ€nkt war.cite-ref-48[48] Der pater familias besaĂ, solange er lebte, die vollste und freieste Erziehungsgewalt ĂŒber die Kinder; diese galten privatrechtlich fĂŒr rechtsunfĂ€hig und hatten den Eltern gegenĂŒber strenge PietĂ€tspflichten.cite-ref-49[49]
Neues Testament und christliche SpÀtantike
Die ĂŒberragende Bedeutung, die der Gehorsam im Judentum hat, bleibt auch im daraus hervorgegangenen Christentum erhalten. Im Neuen Testament, der maĂgebenden Schriftensammlung der neuen Religion, erscheint der Gehorsamsbegriff unter anderem im Zusammenhang mit den Wundern Jesu, speziell mit dem Rettungswunder der Stillung des Seesturms; Jesus Christus erscheint hier als jemand, dem die Naturelemente gehorchen (MatthĂ€us 8,27 : âDie Menschen aber verwunderten sich und sprachen: Was ist das fĂŒr ein Mann, daĂ ihm Wind und Meer gehorsam ist?â; Markus 4,41 ; Lukas 8,25 ; vgl. auch Markus 1,27 ). Andererseits jedoch wird Christus durch seinen Kreuzestod selbst zum ultimativen Vorbild fĂŒr den Gehorsam: â[âŠ] er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.â (Philipper 2,8 ; HebrĂ€er 5,8 ) Maria gehorcht, als der Engel Gabriel ihr verkĂŒndigt, dass sie, obwohl sie noch mit keinem Mann geschlafen hat, einen Sohn â Jesus â gebĂ€ren werde (Lukas 1,38 ). Als der Hohepriester Simon Petrus verbietet, im Namen Jesu zu predigen, setzt dieser sich ĂŒber das Verbot hinweg und gehorcht stattdessen Gott (Apostelgeschichte 5,29 ).
Wie im Alten Testament, so ist auch im Neuen Testament hauptsĂ€chlich vom Gehorsam gegen Gott (Apostelgeschichte 5,29 ) und von Gehorsam im Sinne der Annahme und Befolgung des christlichen Glaubens die Rede (z. B. Apostelgeschichte 6,7 ; Römer 6,17 ; 2. Korinther 7,15 ). Spezieller Gehorsam wird den Kindern anempfohlen, die ihren Eltern, und den Knechten, die ihren Herren gehorchen sollen (Kolosser 3,20, 22 ). Auch seinen Lehrern soll ein Christ gehorchen (HebrĂ€er 13,17 ). AusdrĂŒcklich heiĂt es im Neuen Testament, dass auch der weltlichen Obrigkeit Gehorsam zu leisten sei (Titus 3,1 ). In 1. Petrus 3,1 wird darĂŒber hinaus dafĂŒr geworben, dass Frauen âihren MĂ€nnern untertan seinâ sollen, und zwar explizit deshalb, damit die Nicht-Christen âohne Wort [fĂŒr das Christentum] gewonnen werdenâ. Petrus verweist hier auf das Vorbild Saras (1. Petrus 3,6 ), ohne sich ausdrĂŒcklich auf einen spezifischen Gehorsamsakt Saras zu beziehen; da Sara ihrem Mann Abraham mehrfach gehorcht hat, wird aber angenommen, dass er ihre FĂŒgsamkeit insgesamt gemeint hat.cite-ref-50[50]
Der Kirchenvater Augustinus von Hippo (354â430) stellt in seinen VortrĂ€gen ĂŒber das Johannes-Evangelium (414â417) Adam und Christus gegenĂŒber: Der Erstere sei (durch sein Essen der Frucht des verbotenen Baumes der Erkenntnis) der groĂe Ungehorsame der Heiligen Schrift gewesen, der durch seinen SĂŒndenfall die ErbsĂŒnde ĂŒber die Menschen gebracht habe, wĂ€hrend der Letztere durch seinen vollkommenen Gehorsam gegenĂŒber Gott und seine Einwilligung in den Kreuzestod die Menschen von ihren SĂŒnden reinwĂ€scht und damit vom Untergang erlöst.cite-ref-51[51]cite-ref-52[52]cite-ref-53[53]
âUnd wie in seiner [des Menschen] Seele etwas ist, das durch Urteil und Ăberlegung herrscht, ein anderes, das sich unterwirft, um zu gehorchen, so sehen wir auch in der sinnlichen Welt das Weib dem Manne unterworfen, das zwar geistlich dieselbe Beschaffenheit der vernĂŒnftigen Erkenntnis besĂ€Ăe, aber durch das leibliche Geschlecht dem mĂ€nnlichen Geschlechte in derselben Weise unterworfen sein sollte, wie der Trieb zum Handeln sich unterwirft, um von der Vernunft des Geistes die Erkenntnis des richtigen Handelns zu empfangen.â
â
Augustinus
:
Bekenntnisse
, 13. Buch, 32. Kapitel
Ausgehend von den Lehren Augustinusâ entstand um 497 die Augustinusregel, die zunĂ€chst noch keine Anwendung fand, im Hochmittelalter aber verschiedene OrdensgrĂŒndungen inspirierte. Im siebten Kapitel dieser Ordensregel wird der Gehorsam behandelt. Abgeleitet wird die Gehorsamspflicht hier aus HebrĂ€er 13,17 (âGehorcht euren Lehrern und folgt ihnen; denn sie wachen ĂŒber eure Seelen, als die da Rechenschaft dafĂŒr geben sollen; auf daĂ sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn das ist euch nicht gut.â), wobei die Oberen ihre AutoritĂ€t jedoch nicht aus Freude am Gebieten, sondern in Demut und allein aufgrund ihrer Verantwortlichkeit vor Gott ausĂŒben sollen. Obwohl die Oberen dazu angehalten sind, sich vor Gott als die Geringsten der BrĂŒder einzuschĂ€tzen, sollen die Mönche ihnen aus Hochachtung und aus Liebe folgen, nicht jedoch primĂ€r aus Furcht.cite-ref-58[58]
Mittelalter
Islam
Der Islam, der im frĂŒhen 7. Jahrhundert durch den Propheten Mohammed gestiftet wurde und dessen heilige Schrift, der Koran, vielfĂ€ltige BezĂŒge zu den ErzĂ€hlungen des Alten Testaments aufweist, kennt den Begriff áčÄÊżah (۷ۧŰčŰ©, âGehorsamâ), der Ă€hnlich wie die entsprechenden Begriffe im Judentum und Christentum den Gottesgehorsam (âFĂŒrwahr, Allah (allein) gebĂŒhrt lauterer Gehorsam.âcite-ref-59[59]), aber auch den daraus abgeleiteten Gehorsam vor Mohammed, dem Kalifen oder der staatlichen AutoritĂ€t bezeichnet.cite-ref-60[60]cite-ref-61[61]cite-ref-62[62] Ein damit nicht völlig deckungsgleicher, aber nahe verwandter Begriff ist TaqwÄ (ŰȘÙÙÙ, âGottesfurchtâ), der eher eine Haltung der Wachsamkeit vor SĂŒnden als eine Unterwerfung unter den Willen Gottes bezeichnet.cite-ref-63[63] Eine umfassende Analyse, ob im Islam die Frau dem Mann unterworfen ist und Gehorsam leisten mĂŒsse, hat 2008 Karen Bauer vorgenommen.cite-ref-64[64]
Feudalismus
Als das erste voll entwickelte Feudalsystem gilt das FrĂ€nkische Reich, dessen bedeutendster Herrscher Karl der GroĂe (768â814) war. Die Genealogie dieser Herrschaftsform ist nicht ganz geklĂ€rt; neben römischen (Kolonat, antike Sklaverei) dĂŒrften auch keltische und germanische EinflĂŒsse (Gefolgschaft) eine Rolle gespielt haben.cite-ref-65[65] Grundlegend fĂŒr die Feudalherrschaft ist â neben dem feodum (Liegenschaftsvermögen samt baulicher, gerĂ€tschaftlicher und personeller Ausstattung), das der Landesherr seinen Gefolgsleuten als Gegenleistung fĂŒr militĂ€rische Dienste zum Lehen ĂŒbertrĂ€gt â der Gehorsam der zum feodum gehörenden Bauern gegenĂŒber dem Gefolgsmann, der durch die Belehnung ihr Grundherr wird.cite-ref-66[66] Die Bauern waren zu Frondiensten und Abgaben verpflichtet, durften nicht abwandern und unterlagen auch der Gerichtsbarkeit des Grundherrn. DarĂŒber hinaus waren bei der AbhĂ€ngigkeit der Bauern vom Grundherrn zwei Formen zu unterscheiden: Leibeigene waren unfrei durch ihre Person und konnten auch getrennt vom Grund und Boden verkauft werden; Hörige waren âschollengebundenâ und konnten nur zusammen mit dem GrundstĂŒck verkauft werden.cite-ref-67[67]
Christliches Mittelalter
Glaubensgehorsam
Eine wichtige Rolle spielt der Gehorsam auch in der um 540 von Benedikt von Nursia verfassten Ordensregel der benediktinischen Orden (Benediktiner, Zisterzienser, Trappisten), der Regula Benedicti. Deren Gehorsamskonzept basiert auf Psalm 18,45 (â[âŠ] es gehorcht mir mit gehorsamen Ohrenâ), wo der christliche Glaube als rĂŒckhaltloser demĂŒtiger Gehorsam an Gott gedeutet wird. Auf der Grundlage von Lukas 10,16 (âWer euch hört, der hört mich [âŠ]â) sind die Ordensmitglieder dabei angehalten, den Auftrag eines Oberen so zu erfĂŒllen, als kĂ€me er von Gott.cite-ref-68[68] Beim Eintritt bei den Benediktinern legen die kĂŒnftigen Mönche und Nonnen ein OrdensgelĂŒbde (Profess) ab, das neben Stabilitas sua (BestĂ€ndigkeit) und Conversatio morum suorum (klösterlichem Lebenswandel) auch Oboedientia (Gehorsam) umfasst.cite-ref-69[69]
Thomas von Aquin (1225â1274) beschĂ€ftigte sich mit dem Gehorsam unter anderem im 104. und 105. Kapitel seiner zwischen 1265 und 1273 verfassten Summa theologica.cite-ref-70[70]cite-ref-71[71] Er stellt hier fest, dass der Gehorsam gegenĂŒber einem Vorgesetzten etwas Gutes sei, weil er âder von Gott den Dingen eingeprĂ€gten Ordnungâ entspreche und weil er aus der Liebe hervorgehe. DarĂŒber hinaus sei er auch eine Tugend und sogar die gröĂte Tugend, denn er sei das gröĂte Opfer, das ein Mensch bringen könne, nĂ€mlich das Opfer des eigenen Willens; auch das MĂ€rtyrertum sei im Kern Gehorsam.cite-ref-72[72]cite-ref-73[73] Insbesondere aber mĂŒsse der Mensch Gott gehorchen, denn dieser sei âdie erstbewegende Kraft aller WillenskrĂ€fteâ.cite-ref-74[74] In gewissen Dingen brauche der Mensch nur Gott, nicht aber anderen Menschen zu gehorchen, so âin seiner inneren Willensbewegungâ und âin dem, was zur Natur des Körpers gehörtâ; auch sei der Mensch einem Vorgesetzten ânur mit RĂŒcksicht auf einiges ganz Bestimmteâ unterworfen.cite-ref-summa104-5-75-0[75] Dass ein Christ auch âder zeitlichen Gewaltâ bzw. âden weltlichen FĂŒrstenâ zu gehorchen habe, begrĂŒndet Thomas damit, dass der Gehorsam erstens etwas zutiefst Christliches sei und zweitens der âDienst des Menschen dem Menschen gegenĂŒber [âŠ] den Leib an[gehe], nicht die Seeleâ.cite-ref-76[76] Auch unter den OrdensgelĂŒbden hielt Thomas, weil alle anderen daraus folgen, das Gehorsamsversprechen fĂŒr das zentrale.cite-ref-summa104-5-75-1[75]
Der im frĂŒhen 13. Jahrhundert von Dominikus gegrĂŒndete Dominikanerorden folgt grundlegend der Augustinusregel, bei den GelĂŒbden aber Thomas von Aquin. So geloben Dominikaner bei der Profess insbesondere Gehorsam, aber auch Armut und Keuschheit.cite-ref-77[77] Ebenfalls im frĂŒhen 13. Jahrhundert entstanden, Franziskus von Assisi folgend, die franziskanischen Orden (Minoriten, Franziskaner, Kapuziner), die der Regula bullata folgen. Franziskanermönche geloben Armut, Keuschheit und Gehorsam.cite-ref-78[78]
Aus dem Mittelalter ist auch das wahrscheinlich um 1400 entstandene Buch des Gehorsams erhalten, ein in mittelhochdeutscher Sprache verfasster Prosatraktat in Form eines geistlichen Sendschreibens an eine Nonne, dessen zentrales Thema Funktion, Grundlagen und Erscheinungsformen der klösterlichen Grundhaltung des widerspruchslosen und freudigen Gehorsams sind.cite-ref-79[79]
Weiblicher Gehorsam
In einigen der Quaestiones seiner in den 1230er Jahren verfassten Schrift Summa de bono hat der französische Philosoph und Theologe Philipp der Kanzler (nach 1160â1236) sich mit der Frage befasst, in welchen FĂ€llen Frauen gehorchen mĂŒssen, wenn ihr Mann Beischlaf (debitum coniugii) von ihnen fordert.cite-ref-80[80]
In Frankreich veröffentlichte der Jurist Philippe de Beaumanoir im Jahre 1283 die Coutumes de Beauvaisis, ein sehr einflussreich gewordenes Werk ĂŒber das Gewohnheitsrecht des Landes. Unter anderem enthielt es eine Regelung der Ehe, in der die Frau ihrem Mann einerseits zum Gehorsam verpflichtet war, dieser andererseits jedoch nichts von ihr fordern konnte, das gegen die Gebote Gottes oder die guten Sitten verstieĂ.cite-ref-81[81] Auch der flĂ€mische Arzt und Naturphilosoph BartholomĂ€us von BrĂŒgge (â 1356) vertrat in seinem unter dem Titel Questiones Yconomice veröffentlichten Kommentar der pseudo-aristotelischen Oikonomika die Auffassung, dass die Frau dem Manne nur in ehrbaren und erlaubten Dingen gehorchen mĂŒsse.cite-ref-82[82]
Eine Darstellung des Ehefrauengehorsams, der im spĂ€tmittelalterlichen französischen Adel erwartet wurde, findet sich im Livre du Chevalier de la Tour Landry pour lâenseignement de ses filles (1371â1373).cite-ref-83[83]cite-ref-84[84] Der MĂ©nagier de Paris (um 1393) leistet Entsprechendes fĂŒr die Ehenormen im zeitgenössischen BĂŒrgertum.cite-ref-85[85]cite-ref-86[86] Der Historiker Hans-Werner Goetz hat vermutet, dass diese spĂ€tmittelalterliche âHausliteraturâ den Ausgangspunkt der ZurĂŒckdrĂ€ngung der Frau in die Rolle der gehorsamen, auf die Versorgung des Mannes fixierten Hausfrau bilde.cite-ref-87[87]cite-ref-88[88]
FrĂŒhe Neuzeit
Renaissance
Francesco Petrarca (1304â1374) veröffentlichte unter dem Titel De insigni oboedientia et fide uxoria eine freie lateinische Ăbersetzung der Griseldis-Novelle aus Giovanni Boccaccios in italienischer Sprache verfasstem Decamerone (1349â1353), die stark zur Verbreitung dieses Textes beigetragen hat.cite-ref-89[89] Die Geschichte handelt von der Tochter eines armen Bauern, die einen FĂŒrsten heiratet; um sicherzustellen, dass sie ihm vollkommen ergeben ist, unterzieht dieser sie einer Reihe schwerer PrĂŒfungen. Bei Petrarca ist der FĂŒrst weniger grausam dargestellt als bei Boccaccio, und Griseldis eifriger, ihm zu Gefallen zu sein.cite-ref-90[90]cite-ref-91[91]
Der italienische Gelehrte Giovanni Pontano veröffentlichte 1490 einen philosophischen Traktat De oboedientia (âVom Gehorsamâ).cite-ref-92[92] Der Text enthĂ€lt eine theoretische Rechtfertigung des Absolutismus und der Monarchie als Staatsform. Als Vertreter des politischen Humanismus geht Pontano dabei von der Idee aus, dass die Gesellschaft als organischer Körper zu beschreiben sei, in dem jedes Mitglied eine bestimmte Funktion ausĂŒbt, wobei die Untertanen den SouverĂ€n durch ihre LoyalitĂ€t und ihren Gehorsam erst zu einem solchen machen.cite-ref-93[93]
Das 1549 erstmals veröffentlichte offizielle liturgische Buch der Church of England, das Book of Common Prayer, war eines der ersten im englischen Sprachraum, das vorsah, dass die Frau ihrem Mann bei der Heirat Gehorsam gelobte:
âWilt thou have this man to thy wedded houseband, to live together after Goddes ordeinaunce, in the holy estate of matrimonie? Wilt thou obey him, and serve him, love, honor, and kepe him in sickenes and in health? And forsaking al other kepe thee onely to him, so long as you bothe shall live?â
âWillst du diesen Mann zu deinem Ehemann haben, um nach göttlicher Weisung im heiligen Stande der Ehe zusammenzuleben? Willst du ihm gehorchen und ihm dienen, ihn lieben, ehren und in Krankheit und Gesundheit bei ihm bleiben? Und allen anderen entsagen und nur bei ihm bleiben, so lange ihr beide lebt?â
â
Book of Common Prayer of 1549, The Forme of Solemnizacion of Matrimonie
In der amerikanischen Ausgabe des Book of Common Prayer hieĂ es seit 1789:
âI [âŠ] take thee [âŠ] to my wedded husband, to have and to hold, from this day forward, for better for worse, for richer for poorer, in sickness and in health, to love, cherish, and obey, till death us do part, according to Godâs holy ordinance; and thereto I give thee my troth.â
âIch [Name der Braut] nehme dich [Name des BrĂ€utigams] zu meinem angetrauen Ehemann, um dich von diesem Tage an zu haben und zu halten, im Guten und im Schlechten, in Reichtum und in Armut, in Krankheit und in Gesundheit, um dich zu lieben, zu ehren und dir zu gehorchen, bis dass der Tod uns scheidet, Gottes Heiligem Gesetze entsprechend; und das gelobe ich dir.â
â
1789 U. S. Book of Common Prayer
Obwohl eine Mehrheit der Amerikaner diese Formel als veraltet empfindet, wird sie bis in die Gegenwart als eine von mehreren Optionen weiterhin nachgefragt und verwendet.cite-ref-96[96]
PĂ€dagogik des Protestantismus
Seine heutige (maskuline) Form und seinen Bedeutungsumfang erhielt das deutsche Wort âGehorsamâ vor allem durch Martin Luther (1483â1546), der es in seiner BibelĂŒbersetzung und an anderer Stelle vielfach verwendet hat.cite-ref-97[97] Luthers PĂ€dagogik grĂŒndet sich wesentlich aufs vierte Gebot (âDu sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daĂ dirâs wohlgehe und du lange lebest auf Erden.âcite-ref-98[98]), aus dem Luther eine kindliche Gehorsamspflicht ableitet.cite-ref-99[99]cite-ref-svgw52-100-0[100] Luther konstatiert, dass selbst Jesus Christus seinen Eltern âuntertanâ war (Lukas 42,51 ).cite-ref-101[101] Allerdings missbilligt er eine Erziehung, bei der Kinder nur aus Angst vor Strafe gehorchen, und empfiehlt, dem Bibeltext entsprechend, vielmehr eine Erziehung, in der Eltern bei ihren Kindern Ehrerbietung â also gleichermaĂen Furcht wie Liebe â erwecken.cite-ref-svgw52-100-1[100] Gehorsam erwartete Luther â abgeleitet aus dem vierten Gebot, da FĂŒhrungsgewalt delegierbar seicite-ref-102[102] â darĂŒber hinaus nicht nur von Kindern, sondern auch von allen untergeordneten Mitgliedern eines Hauses, also auch vom Gesinde,cite-ref-103[103]cite-ref-104[104] sowie auf höherer Ebene von den Untertanen jeglicher Obrigkeit.cite-ref-svgw52-100-2[100]cite-ref-105[105]cite-ref-106[106] Den Gehorsam vor Gott stellt Luther jedoch ĂŒber jede weltliche Gehorsamspflicht.cite-ref-107[107]cite-ref-108[108]
Charakteristisch fĂŒr die PĂ€dagogik Johann Arndts (1555â1621) war die Ăberzeugung, dass das Kind vom Mutterleib an voller böser Unarten sei, unter denen er auch den Ungehorsam nennt.cite-ref-109[109] Arndt fĂŒhrt, in Anlehnung an Augustinus, die angeborene Bösartigkeit auf den Ungehorsam Adams zurĂŒck, der sich Gottes Verbot widersetzte, vom Baum der Erkenntnis zu essen; Jesus Christus dagegen, der sich dem Willen seines göttlichen Vaters bis in den Kreuzestod fĂŒgte, stehe fĂŒr Gehorsam, Sitte und Freundlichkeit, wobei Arndt freilich nicht einen weltlichen, sondern einen Glaubensgehorsam meint.cite-ref-110[110] Christus habe Gottes Gehorsamsgebot erneuert und fĂŒr alle Christen verbindlich gemacht.cite-ref-111[111] Wie spĂ€ter Francke, lehnte auch Arndt einen âeusserlichen gehorsamâ ab, der sich dem Zwang beugt und Heuchelei sei, und forderte ein âgehorsames Hertz aus liebeâ.cite-ref-112[112]
FĂŒr August Hermann Francke (1663â1727), den herausragenden PĂ€dagogen des Halleschen Pietismus, war der Gehorsam â nach der Liebe zur Wahrheit und vor dem FleiĂ â eine jener Kardinaltugenden, die den Menschen zu Gott hin fĂŒhren.cite-ref-113[113] Francke unterscheidet zwischen einem âĂ€uĂerlichenâ Gehorsam, der darauf zielt, Menschen zu gefallen, und einem an Gott gerichteten ârechten Hertzens-Gehorsamâ. Zu den Ausgangspunkten seiner PĂ€dagogik zĂ€hlt das Paulus-Wort âUnd ihr VĂ€ter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn, sondern zieht sie auf in der Vermahnung zum HERRN.â (Epheser 6,4 ) In seinem 1698 erschienenen Traktat Von Erziehung der Jugend Zur Gottseligkeit und Klugheit warb Francke fĂŒr eine erzieherische âGemĂŒths-Pflegeâ, die darin bestehe, dass zwar der Wille des jungen Menschen âunter den Gehorsamâ gebracht werde, es diesem Willen aber leicht gemacht werden solle, ohne Zwang zu folgen, indem dem Verstand des Zöglings âheilsame Lehrenâ geboten werden, insbesondere durch das gute Vorbild der ihn umgebenden Erwachsenen, aber auch durch den Katechismus und die Geschichten der Bibel. Der Eigenwille des Kindes mĂŒsse zwar gebrochen werden, jedoch âmit sehr grosser Liebe, Sanfftmuth und Gedultâ. âDurch den hertzlichen Gehorsam wird die Herrschafft des eigenen Willens und FĂŒrwitzes niedergeleget, und das Hertz immer mehr und mehr erniedriget und demĂŒtig gemacht, auch zu einer ungeheuchelten Bescheidenheit und Freundligkeit angewiesenâ. Anders als Luther sieht Francke die Gesellschaft nicht als eine vertikale Ordnung, in der Untergeordnete dem jeweils Ăbergeordneten zu gehorchen haben, sondern fordert mit Paulus (âund seid untereinander untertan in der Furcht Gottesâ, Epheser 5,21 ), dass wahre Christen âauch ihres gleichen, und geringernâ gehorchen.cite-ref-114[114]
Gegenreformation
Die neue Innerlichkeit am Ăbergang zur frĂŒhen Neuzeit (devotio moderna) fĂŒhrte europaweit zu Reformbewegungen, wie dem von einer Gruppe um den Basken Ignatius von Loyola um 1540 gegrĂŒndeten Jesuitenorden. Zwar wurden die aus den alten Ordensregeln bekannten GrundsĂ€tze fĂŒr das GehorsamsverstĂ€ndnis in seinen Satzungen aufgenommen, doch vielfach der neuen Zeit angepasst. So wurde der von Ordensleuten geforderte Gehorsam weiterhin spirituell christozentrisch begrĂŒndet und in der Ausbildung grundgelegt. Doch da der neue Orden nicht klösterlich verfasst war, sondern von Anfang an ĂŒberregional und sogar global auch in Asien und SĂŒdamerika agierte, musste der Gehorsam jetzt ĂŒber neu zu findende bĂŒrokratische Kommunikation sichergestellt werden.cite-ref-115[115] Der Versuch, den regional verstreuten Orden einheitlich zu regieren, fĂŒhrte zum gröĂten erhaltenen Briefkorpus aus dem 16. Jahrhundert.cite-ref-116[116]
Der Gehorsam musste dafĂŒr in der Ausbildung (Noviziat) stark eingĂŒbt und verinnerlicht werdencite-ref-117[117] und setzte dann bei den Vorgesetzten laufend gute Informationen aus den verschiedenen Regionen voraus. Das fĂŒhrte zu eine schwierigen Balance von klaren, Gehorsam erwartenden Anweisungen und gleichzeitig der Notwendigkeit, diese eigenstĂ€ndig und flexibel vor Ort anzuwenden.cite-ref-118[118]cite-ref-119[119]
Neben dem GehorsamsgelĂŒbde gegenĂŒber dem Ordensoberen â zunĂ€chst dem allgemeinen Oberen in Rom (praepositus generalis, dem âGeneralâ), dann gegenĂŒber den Oberen in gröĂeren Provinzen (Provinzial) â hatten die Jesuiten von Anfang an ein GehorsamsgelĂŒbde gegenĂŒber den Sendungen des Papstescite-ref-120[120]. In der Selbstwahrnehmung fĂŒhrte das zu einer starken BinnenidentitĂ€t; von auĂen wurde die Bindung âan Româ (der spĂ€ter so genannte Ultramontanismus) als knechtischer Gehorsam gegenĂŒber der kirchlichen Zentrale befeindet. Nördlich der Alpen wurde der Orden schon bald zu einem Instrument der Gegenreformation (Petrus Canisius). In den katholischen Landen (Portugal, Spanien, Frankreich) trat der an die zentrale Kirchenorganisation gebundene Gehorsam in einen Gegensatz zu den Versuchen der FĂŒrsten, eigene Nationalkirchen zu bilden; bei den betroffenen Jesuiten fĂŒhrte das oft zu LoyalitĂ€tskonflikten, wem der gröĂere Gehorsam gelten soll.cite-ref-121[121] Wenn die Satzungen der Jesuiten aus Ă€lteren Ordensverfassungen den Gehorsam âwie ein lebloser Körperâ als Metapher fĂŒr einen asketischen Verzicht auf den Eigenwillen ĂŒbernahmen, so wurde daraus nun der Kampfbegriff âKadavergehorsamâ â je nach Position selbstbewusst oder polemisch gebraucht, wie auch andere, eigentlich traditionelle Wendungen nun speziell auf die Jesuiten projiziert wurden und diese mehr und mehr als Inbegriff einer von strikten Gehorsam geprĂ€gten Truppe wahrgenommen wurden, auch wenn der Orden in der Praxis massive Probleme durch Ungehorsam hatte.cite-ref-122[122]
Absolutismus
Der französische Jurist Jean Bodin (1529/1530â1596) veröffentlichte 1576 sein Buch Sechs BĂŒcher ĂŒber den Staat, das als einer der GrĂŒndungstexte der Politikwissenschaft gilt. Das Buch entstand vor dem Hintergrund der sehr blutigen Hugenottenkriege, denen auĂer religiösen vor allem machtpolitische GegensĂ€tze zugrunde lagen. Um diese zu entscheiden, formulierte Bodin das Staatsideal einer Monarchie, die zwar legitimiert und somit auch gezĂŒgelt sein soll, dem Monarchen aber absolute SouverĂ€nitĂ€t gewĂ€hrt. Der Gehorsam gegenĂŒber dem König sollte zur zentralen Lebensregel der Untertanen werden und noch vor den Gottgehorsam treten.cite-ref-123[123]
Philosophie der AufklÀrung
gehorsam-aufklaerung Der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588â1679), der vor der AufklĂ€rung lebte, dieser mit seiner Vertragstheorie aber wichtige Impulse lieferte, wendet in seinem Hauptwerk, dem 1651 erschienenen Leviathan, den christlichen Gehorsamsbegriff ins SĂ€kulĂ€r-Politische. BĂŒrgerlicher Gehorsam ist fĂŒr ihn â noch vor Gesetzen, Frieden, NĂ€chstenliebe und gesellschaftlichem Leben â die wichtigste Voraussetzung fĂŒr jedes auf menschlicher Vereinbarung basierende Gemeinwesen:cite-ref-124[124]
âThe condition of man in this life shall never be without inconveniences; but there happeneth in no Commonwealth any great inconvenience but what proceeds from the subjectsâ disobedience and breach of those covenants from which the Commonwealth hath its being.â
âDie Lage des Menschen wird in diesem Leben niemals ohne Unannehmlichkeiten sein; aber es gibt in keinem Gemeinwesen gröĂere Unannehmlichkeit als die, die aus dem Ungehorsam der Staatsangehörigen und ihrem Bruch jener Vereinbarungen hervorgehen, aus denen das Gemeinwesen besteht.â
â
Thomas Hobbes
:
Leviathan, Chapter 20: Of Dominion Paternal and Despotical
Der niederlĂ€ndische Philosoph Baruch de Spinoza (1632â1677), der dem Rationalismus zugerechnet wird und als einer der BegrĂŒnder der modernen Bibel- und Religionskritik gilt, behandelte den Gehorsam in seinem 1670 erschienenen Tractatus theologico-politicus.cite-ref-125[125]cite-ref-126[126] Er greift in diesem Text die katholische Kirche an, die so sehr bestrebt sei, sich die GlĂ€ubigen rundum gehorsam zu machen, dass sie selbst die Bibel zu diesem Zweck falsch ausdeute. Spinoza hĂ€lt dem das wesentlich ursprĂŒnglichere Gehorsamskonzept der evangelischen Lehre entgegen und schreibt, dass der Glaube an Gott und der Gehorsam gegen Gott dort insofern ein und dasselbe seien, als (entsprechend Jakobus 2,17 ) âder Glaube allein, ohne Werke, todt seiâ.cite-ref-tpa14-127-0[127] Spinozas Ziel ist es, den Gehorsam erneut auf Gott selbst zu orientieren bzw. auf den Kern dessen, was Gott den Menschen geboten habe: Gerechtigkeit und NĂ€chstenliebe (Römer 13,8 ).cite-ref-128[128]cite-ref-129[129]cite-ref-tpa14-127-1[127]
Bezogen auf den Staat dagegen hielt Spinoza den Gehorsam unter bestimmten idealen UmstĂ€nden fĂŒr theoretisch verzichtbar:
âWeil [âŠ] der Gehorsam darin besteht, dass die Befehle blos vermöge der AutoritĂ€t des Befehlenden befolgt werden, so folgt, dass derselbe in einer Gemeinschaft, wo die Herrschaft bei Allen ist, und die Gesetze nach allgemeiner Uebereinstimmung erlassen werden, keinen Platz hat [âŠ]â
â
Baruch de Spinoza
:
Tractatus theologico-politicus, 5. Kapitel
Selbst in der Demokratie mĂŒssen die Menschen jedoch dem Gesetz gehorchen, da hier nĂ€mlich âJeder alle seine Macht auf die Gesellschaft ĂŒbertrĂ€gt, die damit das höchste natĂŒrliche Recht auf Alles, d. h. die höchste Herrschaft allein behalten wird, und Jeder wird aus freiem Willen oder aus Furcht vor harter Strafe zu gehorchen gehalten sein.âcite-ref-tpa16-131-0[131]
Weiterhin legte Spinoza im Tractatus theologico-politicus dar, dass das Handeln nach Befehl zwar die Freiheit etwas aufhebe, den Gehorchenden aber nicht gleich zum Sklaven mache. Allein die Tatsache, dass jemand nicht zum eigenen Nutzen, sondern zu dem des Befehlenden handelt, mache jemanden zum Sklaven. In einem (demokratischen) Staat, in dem das Wohl des ganzen Volkes Gesetz ist, seien auch Untertanen folglich keine Sklaven. Entsprechendes gelte auch fĂŒr Kinder, da die Befehle der Eltern vor allem auf den Nutzen der Kinder abzielen.cite-ref-tpa16-131-1[131]
Hobbesâ Landsmann John Locke (1632â1704) hatte Luthers Diktum, dass aus dem vierten Gebot eine Gehorsamspflicht fĂŒr Untertanen herzuleiten sei, durch Robert Filmer (um 1588â1653) rezipiert und trat dieser Auffassung in seinen Zwei Abhandlungen ĂŒber die Regierung (1689) explizit entgegen. Locke fĂŒhrt hier eine Unterscheidung zwischen politischem Gehorsam einerseits und einer Pflicht andererseits ein, âdie wir Personen schulden, die keinen Anspruch auf SouverĂ€nitĂ€t, noch irgend welche politische AutoritĂ€t besitzen, wie die Obrigkeit sie ĂŒber Untertanen besitztâ.cite-ref-132[132]cite-ref-133[133]
Der Brite George Berkeley (1685â1753), der als aufgeklĂ€rter Philosoph zwischen Locke und David Hume stand, prĂ€gte 1712 in einem gleichnamigen Traktat den Begriff des passiven Gehorsams.cite-ref-134[134] Wie vielen Intellektuellen seiner Zeit wurde Berkeley zu Unrecht vorgeworfen, ein Jakobit und politischer RevolutionĂ€r zu sein. Dem unscharfen Gebrauch, den seine AnklĂ€ger mit dem Begriff der Rebellion trieben, setzte er die Auffassung entgegen, dass die von Gott gewollte Unterwerfung unter die weltliche Obrigkeit nicht auch Ăbereinstimmung und Kooperation erfordere; im Falle von Differenzen genĂŒge es vielmehr, sich passiv zu verhalten, keinen Widerstand zu leisten und nicht zu rebellieren.cite-ref-135[135]cite-ref-136[136]
Der französische Gelehrte Charles de Secondat, Baron de Montesquieu (1689â1755) schrieb 1748 in seinem staatsphilosophischen Hauptwerk Vom Geist der Gesetze, einem SchlĂŒsseltext der AufklĂ€rung:
« Comme lâĂ©ducation dans les monarchies ne travaille quâĂ Ă©lever le cĆur, elle ne cherche quâĂ lâabbaisser dans les Ă©tats despotiques. Il faut quâelle y soit servile. Ce sera un bien, mĂȘme dans le commandement, de lâavoir eue telle ; personne nây Ă©tant tyran, sans ĂȘtre en mĂȘme temps esclave. LâextrĂȘme obĂ©issance suppose de lâignorance dans celui qui obĂ©it ; elle en suppose mĂȘme dans celui qui commande : il nâa point Ă dĂ©libĂ©rer, Ă douter, ni Ă raisonner ; il nâa quâĂ vouloir. »
âSo wie die Erziehung in Monarchien nur darauf abzielt, das Herz zu erheben, zielt sie in despotischen Staaten allein darauf ab, es zu erniedrigen. Es muss dort unterwĂŒrfig sein. Es wird gut sein, ein solches auch beim Befehlen zu haben; niemand ist dort ein Tyrann, ohne gleichzeitig ein Sklave zu sein. ĂuĂerster Gehorsam setzt Unwissenheit bei dem voraus, der gehorcht; es setzt sie sogar bei dem voraus, der befiehlt: Er muss nicht nachdenken, zweifeln oder argumentieren; er muss nur wollen.â
â
Montesquieu
:
Vom Geist der Gesetze, Buch 4, Kapitel 3
Der Schweizer Jean-Jacques Rousseau (1712â1778), der in vielen seiner Werke gegen die von MonarchenwillkĂŒr geprĂ€gte absolutistische Herrschaft anschrieb, erklĂ€rt in seinem politisch-theoretischen Hauptwerk Vom Gesellschaftsvertrag (1762), dass nur die ârechtmĂ€Ăige Gewaltâ (franz. les puissances lĂ©gitimes; gemeint ist die durch einen Gesellschaftsvertrag legitimierte Gewalt) Gehorsam einfordern könne,cite-ref-138[138] und auch dies nur bezogen auf die vom Volke selbst beschlossenen Staatsgesetze:cite-ref-139[139]
«Tant que les sujets ne sont soumis quâĂ de telles conventions, ils nâobĂ©issent Ă personne, mais seulement Ă leur propre volontĂ© [âŠ]»
âSolange die Untertanen nur den in solcher Ăbereinkunft angenommenen Gesetzen unterworfen sind, gehorchen sie niemand als ihrem eigenen Willen [âŠ]â
â
Jean-Jacques Rousseau
:
Vom Gesellschaftsvertrag, Buch 2, S. 66
Ungehorsam gegen diese in Freiheit gewĂ€hlten Gesetze mĂŒsse strafrechtliche Konsequenzen haben.cite-ref-141[141]
Wie Rousseau, so verwendet auch Immanuel Kant (1724â1804) in seinem politikphilosophischen Hauptwerk Die Metaphysik der Sitten (1797) den Gehorsamsbegriff vor allem in Bezug auf die Pflicht der Mitglieder eines Staatswesens, den Gesetzen zu gehorchen, die sie sich selbst gegeben haben.cite-ref-142[142] Den Gehorsam gegenĂŒber Instanzen, die nicht das Gesetz sind, hat Kant erwachsenen Personen etwa dann zugestanden, âwenn ein[em] Offizier [âŠ] von seinen Oberen etwas anbefohlen wirdâ oder wenn ein Geistlicher, der unter dieser Bedingung angenommen wurde, den Vorgaben seiner Kirche entsprechend lehrt und predigt.cite-ref-143[143] FĂŒr den Fall, dass keine solche spezielle Verpflichtung bestehe, hat er Gehorsam jedoch als Ausdruck selbstverschuldeter UnmĂŒndigkeit eingestuft:
âFaulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so groĂer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur lĂ€ngst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmĂŒndig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren VormĂŒndern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmĂŒndig zu sein.â
â
Immanuel Kant
:
Beantwortung der Frage: Was ist AufklÀrung?
, S. 169
DarĂŒber hinaus erwĂ€hnt Kant den Gehorsam in der Metaphysik der Sitten unter anderem im Abschnitt ĂŒber das Eherecht. Da das zeitgenössische Gesetz postuliert, dass der Ehemann der befehlende, die Ehefrau dagegen der gehorchende Teil sein solle, stellt sich ihm die Frage, ob hier ein Widerspruch zur ânatĂŒrlichen Gleichheit eines Menschenpaaresâ bestehe (was Kant verneint, da der Mann der Frau natĂŒrlich ĂŒberlegen sei).cite-ref-145[145] Komplexer stellt sich Kant die Gehorsamspflicht des Gesindes bzw. der Sklaven gegenĂŒber dem Hausherrn dar. Da der Mensch frei geboren sei und diese Freiheit, solange er kein Verbrechen begeht, grundsĂ€tzlich auch behalte, könne er auf seine Freiheit nur dadurch zum Vorteile eines anderen verzichten, dass er mit diesem einen entsprechenden Vertrag eingeht. Der vereinbarte Freiheitsverzicht könne jedoch niemals ein unbegrenzter oder unkĂŒndbarer sein, denn durch den Verlust seiner gesamten Freiheit wĂŒrde der Verzichtende aufhören, eine Person zu sein, wodurch paradoxerweise seine Pflicht, den Vertrag einzuhalten, entfiele.cite-ref-146[146] Dasselbe Paradoxon besteht nach Kant auch dann, wenn ein ganzes Volk zugunsten eines Herrschers auf seine Freiheit verzichtet.cite-ref-147[147]
Das Wort âUnterwĂŒrfigkeitâ, das bis dahin noch bedeutungsgleich zu âGehorsamâ gebraucht worden war,cite-ref-148[148] nĂ€herte sich im frĂŒhen 19. Jahrhundert in seiner Bedeutung der des lateinischen Wortes obnoxius (schuldig, unterworfen, knechtisch, demĂŒtig) an.cite-ref-149[149]
PÀdagogik der AufklÀrung
In der PÀdagogik der AufklÀrung, die aus der Kritik am Absolutismus geboren war und ihre theoretischen Grundlagen im liberalen Naturrecht hatte, erhielt der Begriff des Gehorsams eine Wendung ins Weltliche. An die Stelle der Erziehung zum Christentum trat hier die Erziehung zur Vernunft, womit der Gehorsam gegen Gott tendenziell in den Hintergrund trat.cite-ref-150[150]
John Locke hat in seiner zweiten Abhandlung ĂŒber die Regierung (1689) als einer der ersten Vertreter der AufklĂ€rung explizit herausgearbeitet, was die elterliche AutoritĂ€t von der politischen AutoritĂ€t unterscheide. Kinder seien, so schrieb er, fĂŒr die Freiheit, aber nicht in Freiheit geboren; da sie aufgrund ihrer natĂŒrlichen SchwĂ€che (weakness) und ihres unvollkommenen Zustandes (imperfect state; gemeint ist hier Unvollkommenheit des Wissens und Verstehens) in der ersten Zeit ihres Lebens nicht fĂŒr sich allein bestimmen können, sei es die Pflicht ihrer Eltern, ihre Handlungen zu lenken. Die Macht ĂŒber das Kind, die den Eltern aus dieser Pflicht erwachse, werde, wie Locke ausdrĂŒcklich bemerkt, von den Grenzen des Gesetzes eingeschrĂ€nkt; die von Gott gegebenen Neigungen der ZĂ€rtlichkeit und FĂŒrsorge stellten weiter sicher, dass diese Macht gezĂŒgelt und zum Wohle des Kindes angewandt werde.cite-ref-151[151] In seinem pĂ€dagogischen Hauptwerk Some Thoughts Concerning Education (1693) sprach Locke von Gehorsam insbesondere im Zusammenhang der Erziehung des Verstandes, welcher der Disziplin und der Vernunft gehorsam gemacht werden mĂŒsse. Diese Erziehung mĂŒsse jedoch bereits frĂŒh einsetzen, und ohne Zuneigung, Bewunderung und Respekt des Kindes gegenĂŒber seinem Erzieher seien Gehorsam und Pflichttreue von ihm nicht zu erwarten.cite-ref-152[152]cite-ref-153[153] Obwohl Locke Körperstrafen nicht grundsĂ€tzlich ablehnte und in manchen Situationen sogar fĂŒr unverzichtbar hielt,cite-ref-154[154] riet er davon ab, sie routinemĂ€Ăig anzuwenden; denn er war ĂŒberzeugt, dass die Angst davor beim Kind einen nur geheuchelten und damit wertlosen Gehorsam erzeuge.cite-ref-155[155]
Der französische AufklĂ€rungsphilosoph Denis Diderot (1713â1784) konstatiert in seinem 1751 verfassten EncyclopĂ©die-Artikel AutoritĂ© politique, dass die vĂ€terliche AutoritĂ€t (la puissance paternelle) die einzige von der Natur gegebene AutoritĂ€t sei, wĂ€hrend jede andere entweder durch Gewalt oder durch vertragliche Vereinbarung zustande komme.cite-ref-156[156] Dies impliziert erstens, dass die erzieherische AutoritĂ€t ihre LegitimitĂ€t nicht durch die Zustimmung des Kindes erhĂ€lt, und zweitens, dass sie â zumindest im Naturzustande â damit endet, dass das Kind sich als Heranwachsender selbst fĂŒhren kann.cite-ref-157[157]
Rousseau schlug in der Jungenerziehung eine radikale Vernunfterziehung ohne konventionelle ZwangsmaĂnahmen vor. In seinem pĂ€dagogischen Hauptwerk, dem etwa zeitgleich mit seiner Schrift Vom Gesellschaftsvertrag entstandenen Roman Ămile oder Ăber die Erziehung (1762), sah er das (mĂ€nnliche) Kind nicht als einen BefehlsempfĂ€nger:cite-ref-emile-ii-97-158-0[158]
«Jâai dĂ©jĂ dit que votre enfant ne doit rien obtenir parce quâil le demande, mais parce quâil en a besoin, ni rien faire par obĂ©issance, mais seulement par nĂ©cessitĂ©. Ainsi les mots dâobĂ©ir & de commander seront proscrits de son dictionnaire, encore plus ceux de devoir & dâobligation ; mais ceux de force, de nĂ©cessite dâimpuissance & de contrainte y doivent tenir une grande place.»
âIch habe bereits ausdrĂŒcklich gesagt, daĂ euer Kind nie deshalb etwas erhalten darf, weil es dasselbe verlangt, sondern nur, weil es dessen bedarf, ferner daĂ es nichts bloĂ aus Gehorsam tun soll, sondern weil es die Notwendigkeit erheischt. Deshalb mĂŒssen die Wörter gehorchen und befehlen und noch mehr die AusdrĂŒcke Pflicht und Schuldigkeit aus seinem Wörterbuch gestrichen werden; dagegen muĂ den Wörtern Kraft, Notwendigkeit, Ohnmacht und BeschrĂ€nkung darin ein groĂer Platz eingerĂ€umt werden.â
â
Jean-Jacques Rousseau
:
Ămile, ou De lâĂ©ducation. Livre II, Seite 106
Statt zu gehorchen, solle das Kind Notwendigkeiten erkennen: âVerlangt man von ihm Gehorsam, obwohl es den Nutzen dessen, was man ihm befiehlt, nicht einzusehen vermag, so schreibt es die ihm erteilten Befehle der Laune, der Absicht, es zu quĂ€len, zu, und wird sich nur widerwillig fĂŒgen.âcite-ref-160[160] Allerdings war es weder eine âantiautoritĂ€re Erziehungâ, fĂŒr die Rousseau warb, noch trat er im Ămile fĂŒr eine wie auch immer geartete Entwicklungsautonomie des Kindes ein. Voraussetzung der Vernunfterziehung, die ihm vorschwebte, war vielmehr ein konsequentes GĂ€ngeln des Kindes, das nur nicht merken sollte, das es gehorchte. Das Kind sei, so schrieb Rousseau, âanderen nur infolge seiner BedĂŒrfnisse unterworfen und weil sie eine bessere Einsicht von dem besitzen, was ihm dienlich oder schĂ€dlich, was fĂŒr seine Erhaltung zutrĂ€glich oder nachteilig istâ; es mĂŒsse seine SchwĂ€che fĂŒhlen und nicht etwa darunter leiden.cite-ref-emile-ii-97-158-1[158] Das Kind solle, wenn es in die HĂ€nde des Erziehers gegeben wird, der als einziger ĂŒber das Kind gebieten dĂŒrfe,cite-ref-161[161] weder dessen Verhalten als AusĂŒbung eines Befehlsrechts noch sein eigenes Verhalten als Akt des Gehorsams empfinden.cite-ref-162[162] Offen zutage tritt Rousseaus Absage an die kindliche Entwicklungsautonomie in seinen Bemerkungen zur Erziehung der MĂ€dchen, die als kĂŒnftige Gattinnen ihren EhemĂ€nnern ja Gehorsam (obĂ©issance) und Treue (fidĂ©litĂ©) schulden:cite-ref-163[163]
«La gĂȘne mĂȘme oĂč elle la tient, bien dirigĂ©e, loin dâaffaiblir cet attachement, ne fera que lâaugmenter, parce que la dĂ©pendance Ă©tant un Ă©tat naturel aux femmes, les filles se sentent faites pour obĂ©ir. [âŠ] Que les filles soient toujours soumises, mais que les mĂšres ne soient pas toujours inexorables.»
âSelbst der verstĂ€ndige Zwang, in welchem die Tochter notwendig gehalten werden muĂ, wird diese Zuneigung nicht schwĂ€chen, sondern nur erhöhen, denn AbhĂ€ngigkeit ist ein den Frauen natĂŒrlicher Zustand, und schon die MĂ€dchen fĂŒhlen, daĂ sie zum Gehorchen geboren sind. [âŠ] Die Töchter sollen also immer gehorsam, die MĂŒtter jedoch auch nicht immer unerbittlich sein.â
â
Jean-Jacques Rousseau
:
Ămile, ou De lâĂ©ducation. Livre V, Seite 221, 223
Kant dagegen hielt offen am Konzept des Gehorsams fest, weil er davon ĂŒberzeugt war, dass ohne Gehorsam ein Lernen und eine Teilhabe am Gemeinwesen nicht möglich seien:
âZum Charakter eines Kindes, besonders eines SchĂŒlers, gehört vor allen Dingen Gehorsam. Dieser ist zweyfach, erstens: ein Gehorsam gegen den absoluten, dann zweytens aber auch gegen den fĂŒr vernĂŒnftig und gut erkannten Willen eines FĂŒhrers. Der Gehorsam kann abgeleitet werden, aus dem Zwange, und dann ist er absolut, oder aus dem Zutrauen, und dann ist er von der andern Art. Dieser freywillige Gehorsam ist sehr wichtig; jener aber auch Ă€uĂerst nothwendig, indem er das Kind zur ErfĂŒllung solcher Gesetze vorbereitet, die es kĂŒnftighin, als BĂŒrger erfĂŒllen muĂ, wenn sie ihm auch gleich nicht gefallen.â
â
Immanuel Kant
:
Ăber PĂ€dagogik (1803), S. 73
Als einer der ersten Theoretiker der Erziehung dachte Kant ĂŒber die Frage nach:
âEines der gröĂten Probleme der Erziehung ist, wie man die Unterwerfung unter den gesetzlichen Zwang mit der FĂ€higkeit, sich seiner Freiheit zu bedienen, vereinigen könne. Denn Zwang ist nötig! Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?â
â
Immanuel Kant
:
Ăber PĂ€dagogik, S. 27
Kant unterscheidet zwischen dem Gehorsam des Kindes und dem des JĂŒnglings. Gegenstand des ersteren ist die Befolgung von Regeln; bei VerstöĂen wird bestraft (wobei die Bestrafung idealerweise die Vernunft des Kindes stimuliert und zum Wachsen bringt); generell sei dem Kind jedoch möglichst viel Freiheit zu lassen.cite-ref-p27-165-1[165] Beim JĂŒngling besteht der Gehorsam âin der Unterwerfung unter die Regeln der Pflicht. Aus Pflicht etwas thun, heiĂt: der Vernunft gehorchen.âcite-ref-166[166]
19. Jahrhundert
Die Französische Revolution und die Folgen
Artikel 213 des im Jahre 1804 von Napoleon Bonaparte in Frankreich eingefĂŒhrten Code civil sah eine Gehorsamspflicht der Ehefrau vor.cite-ref-167[167] In Artikel 75, in dem die FormalitĂ€ten der Trauung geregelt waren, war festgelegt, dass der Standesbeamte diesen und andere Artikel, in denen die Rechte und Pflichten der Eheleute beschrieben waren, vor dem Brautpaar und ihren Trauzeugen verlas.cite-ref-168[168] Diese Bestimmungen, die erst 1938 abgeschafft wurden, waren insofern ein Anachronismus, als zu diesem Zeitpunkt fast ĂŒberall sonst in Europa das EheschlieĂungsrecht formal keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern mehr machte.cite-ref-ad354-169-0[169]cite-ref-170[170] Wie der Jurist Arne Duncker aufgewiesen hat, war diese Ungleichbehandlung der Geschlechter eine direkte Folge des persönlichen Einflusses, den Napoleon im von ihm selbst gegrĂŒndeten Staatsrat hatte.cite-ref-ad354-169-1[169]
Deutscher Idealismus, Deutsche Klassik
Johann Gottlieb Fichte (1762â1814), der neben Schelling und Hegel ein Hauptvertreter des Deutschen Idealismus war, setzte Kants kategorischem Imperativ das Gebot entgegen, dass der Mensch vielmehr nach seinem Gewissen handeln solle; das Gewissen bildet damit den Ausgangspunkt seiner gesamten Ethik.cite-ref-171[171]cite-ref-172[172] In seinem ethischen Hauptwerk System der Sittenlehre schrieb Fichte 1798, dass das Gewissen sich âabsolut nicht durch AutoritĂ€t leiten lassenâ könne, und zog daraus den Schluss: âWer auf AutoritĂ€t hin handelt, handelt sonach nothwendig gewissenlos [âŠ]â.cite-ref-173[173]
Eines der bedeutendsten Textkunstwerke zum Thema des Gehorsams ist Heinrich von Kleists 1809/1810 geschriebenes Drama Der Prinz von Homburg. Der Prinz, General der Brandenburgischen Reiterei in der Zeit des Nordischen Krieges, ist wĂ€hrend der Vorbesprechung fĂŒr die Schlacht bei Fehrbellin abgelenkt und bekommt darum nicht mit, dass er den Feind nicht ohne ausdrĂŒckliche Order angreifen soll. Seine unwissentliche Befehlsverweigerung, d. h. sein eigenmĂ€chtiger Angriffsbefehl, fĂŒhrt am nĂ€chsten Tag zu einem klaren Sieg der Brandenburger. Der KurfĂŒrst lĂ€sst ihn wegen Befehlsverweigerung dennoch zum Tode verurteilen. Kleists Leistung liegt hier unter anderem darin, dass er die komplexen MachtverhĂ€ltnisse zwischen dem Oberkommandierenden und seinem General bis in ihre feinsten VerĂ€stelungen ausgelotet hat.cite-ref-174[174]
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770â1831) beschĂ€ftigt sich mit dem Gehorsam u. a. in seinen Vorlesungen ĂŒber die Geschichte der Philosophie (1822â1831/1837). Er beschreibt darin u. a., wie der Staat (einschlieĂlich der Gehorsamspflicht der Individuen gegen ihren FĂŒrsten) aus der Religion hervorgegangen sei.cite-ref-175[175] Hegel fordert einen Gehorsam, der âauf das Sittliche und VernĂŒnftige gerichtet seiâ, einen Gehorsam vor den Gesetzen, die als die richtigen erkannt wurden. Weil der mittelalterlichen Kirche jedoch gerade der blinde und unbedingte Gehorsam, âder nicht weiĂ, was er tutâ als âder Gott wohlgefĂ€lligsteâ galt, hat er dieser vorgeworfen, der Unsittlichkeit Vorschub zu leisten:
âDa die Menschen durch die Kirche der ewigen Seligkeit gewiĂ sind und dazu ihr nur geistig gehorsam zu sein brauchen, so wird andrerseits ihre Sucht nach weltlichem GenuĂ um so gröĂer, je weniger daraus fĂŒr das geistige Heil irgendein Schaden entsteht; denn fĂŒr alle WillkĂŒr, allen Frevel, alle Laster erteilt die Kirche AblaĂ, wenn er verlangt wird.â
â
G. W. F. Hegel
:
Vorlesungen ĂŒber die Geschichte der Philosophie
Durch die Reformation sei der blinde Gehorsam, so schreibt Hegel, aufgehoben und âder Gehorsam gegen die Staatsgesetze als die Vernunft des Wollens und des Tuns zum Prinzip gemachtâ worden. Der Mensch sei seither seinem Gewissen unterstellt und âdaher frei zu gehorchenâ.cite-ref-177[177] Anders als spĂ€ter etwa Nietzsche, der sowohl der Religion als auch dem Idealismus kritisch gegenĂŒberstand, sah Hegel Rechtssicherheit âallein in der protestantischen Religionâ.cite-ref-178[178]
Als PĂ€dagoge war Hegel ĂŒberzeugt, dass zwischen Selbst- und Fremdbestimmung insofern gar kein grundsĂ€tzlicher Widerspruch bestehe, als Autonomie sich ohne Fremdbestimmung gar nicht herausbilden könne:
âDa aber der Knabe noch auf dem Standpunkt der Unmittelbarkeit steht, erscheint ihm das Höhere, zu welchem er sich erheben soll, nicht in der Form der Allgemeinheit oder der Sache, sondern in der Gestalt eines Gegebenen, eines Einzelnen, einer AutoritĂ€t. Es ist dieser und jener Mann, welcher das Ideal bildet, das der Knabe zu erkennen und nachzuahmen strebt; nur in dieser konkreten Weise schaut auf diesem Standpunkt das Kind sein eigenes Wesen an. Was der Knabe lernen soll, muĂ ihm daher auf- und mit AutoritĂ€t gegeben werden; er hat das GefĂŒhl, daĂ dies Gegebene gegen ihn ein Höheres ist.â
â
G. W. F. Hegel
:
EnzyklopÀdie der philosophischen Wissenschaften
, § 396
Anders als Kant hatte Hegel keinen Zweifel, dass nicht nur JĂŒnglinge, sondern auch Knaben bereits in der Lage sind, sittliche Begriffe zu verstehen, wenn diese nur ânach MaaĂgabe ihres Altersâ gelehrt werden.cite-ref-180[180] Dabei begrĂŒĂte er Tendenzen zu einer Liberalisierung der erzieherischen Disziplin, die er in Schule und ElternhĂ€usern beobachtete:
âDie Begriffe, was unter Zucht, und Schulzucht insbesondere, zu verstehen sei, haben sich im Fortgange der Bildung sehr geĂ€ndert. Da die Erziehung immer mehr aus dem richtigen Gesichtspunkte betrachtet worden ist, daĂ sie wesentlich mehr UnterstĂŒtzung als NiederdrĂŒckung des erwachenden SelbstgefĂŒhls, eine Bildung zur SelbststĂ€ndigkeit sein mĂŒsse; so hat sich in den Familien eben so sehr, als in den Erziehungsanstalten, die Manier immer mehr verloren, in Allem, was es sei, der Jugend das GefĂŒhl der UnterwĂŒrfigkeit und der Unfreiheit zu geben, auch in dem, was gleichgĂŒltig ist, sie einer anderen, als ihrer eigenen WillkĂŒr gehorchen zu machen, leeren Gehorsam um des Gehorsams willen zu fordern, und durch HĂ€rte zu erreichen, wozu bloĂ das GefĂŒhl der Liebe, der Achtung und des Ernstes der Sache gehört.â
â
G. W. F. Hegel
:
Rede zum SchuljahresabschluĂ 1811
PĂ€dagogik des 19. Jahrhunderts, einschlieĂlich Philanthropismus, Herbartianismus und ReformpĂ€dagogik
Johann Bernhard Basedow (1724â1790), der bedeutendste Vertreter des Philanthropismus, erwĂ€hnt den Gehorsam in seinem pĂ€dagogischen Elementarwerk (1774) beilĂ€ufig als etwas Erstrebenswertes, leistet an dieser Stelle aber keine theoretische BegrĂŒndung dafĂŒr.cite-ref-182[182]
Der Schweizer Johann Heinrich Pestalozzi (1746â1827), ein Philanthrop und Vorbereiter der ReformpĂ€dagogik, beschĂ€ftigte sich mit dem Gehorsam in den letzten beiden Kapiteln seines pĂ€dagogischen Hauptwerks Wie Gertrud ihre Kinder lehrt (1801). Er vertrat darin die Position, dass Kinder, um Gottesgehorsam lernen zu können, erst die Erfahrung machen mĂŒssen, Menschen zu lieben, ihnen zu trauen, ihnen zu danken und zu gehorchen. Die Mutter lehre das Kind im Verein mit ihrer Liebe und Obsorge zunĂ€chst Geduld, aus der dem Kinde dann die Regungen des Gewissens, der Gehorsam, die Erkenntnis der Pflicht und des Rechts und schlieĂlich auch der Glaube an Gott erwachse:cite-ref-183[183]
âMutter! Mutter! du zeigtest mir Gott in deinen Befehlen, und ich fand ihn in meinem Gehorsam.â
â
Johann Heinrich Pestalozzi
:
Wie Gertrud ihre Kinder lehrt, Kapitel 14
In Anlehnung an Pestalozzi, mit dem er sich teils kritisch, teils beipflichtend auseinandergesetzt hat, wertet Friedrich Fröbel (1782â1852) den Ungehorsam in seinem 1826 erschienenen pĂ€dagogischen Hauptwerk Die Menschenerziehung als Untugend, wobei der kindliche Gehorsam jedoch eher Gott als den Menschen gelten soll.cite-ref-185[185]
Ebenfalls 1826 nahm der evangelische Theologe, Philosoph und BegrĂŒnder der modernen Hermeneutik Friedrich Schleiermacher (1768â1834) in einer Vorlesung zur âErziehungslehreâ eine genaue theoretische Bestimmung der schulischen ErziehungsautoritĂ€t vor. AuĂer der Verantwortung fĂŒr den eigentlichen Unterricht sieht Schleiermacher auf Seiten der Schule âdie Verpflichtung, dasjenige auf dem Gebiete der Gesinnung zu entwickeln, was sich unmittelbar auf das öffentliche Leben in seinem relativen Gegensatz zu dem Familienleben beziehtâ.cite-ref-186[186]cite-ref-187[187] Als dasjenige Element, an dem die Gesinnung des Kindes geschult werden soll, hat Schleiermacher das Gesetz im Sinn, dessen ReprĂ€sentant im Klassenzimmer der Lehrer sei. Damit das Kind von dem âgesetzlichen Zustandeâ profitieren könne und ihn nicht als Belastung empfinde, empfiehlt er, die â[s]trenge RegelmĂ€Ăigkeitâ der Schule âmit einer gewissen Milde der Handhabungâ zu verbinden.cite-ref-188[188] Ziel der in der Schule initiierten âpraktischen Subsumtion des einzelnen unter das Allgemeineâ ist die Herausbildung des âGemeingefĂŒhlsâ:
âAm Anfang ist die AutoritĂ€t alles und das GemeingefĂŒhl Null, am Ende ist das GemeingefĂŒhl Alles und die AutoritĂ€t Null. Somit ist der Verlauf der Erziehung ein allmĂ€hliches Abnehmen der AutoritĂ€t und ein allmĂ€hliches Zunehmen des GemeingefĂŒhls.â
â
Friedrich Schleiermacher
:
Die GrundsÀtze der Erziehung, S. 286 f.
Der Pfarrer und PĂ€dagoge Friedrich Wilhelm Ernst Mende (1805â1886) hielt dem Philanthropismus und der frĂŒhen ReformpĂ€dagogik in seinem 1840 erschienenen Buch Der Gehorsam in der Erziehung entgegen, dass die Erfahrung des Gottgehorsams fĂŒr Kinder, damit sie zu freien Menschen heranreifen können, unverzichtbar sei.cite-ref-190[190] Das Buch enthĂ€lt, anders als die Texte der meisten ReformpĂ€dagogen, eine umfangreiche Theorie des Gehorsams. Mende begreift den Gehorsam nicht als ein Handeln, sondern als eine Fertigkeit und betont, dass er â um zum inneren, dann geistigen und schlieĂlich freien Gehorsam zu werden â wie jede andere Fertigkeit auch eingeĂŒbt werden mĂŒsse.cite-ref-191[191] Er widerspricht Rousseau, der jedes Gehorchen mit Einsicht verknĂŒpfen will, und will im Kinde vielmehr durch Erfahrung erprobtes Vertrauen erwecken, dass die AutoritĂ€t des Erziehers ihm nĂŒtzlich ist.cite-ref-192[192]
Das Verdienst von Johann Friedrich Herbart (1776â1841), dem BegrĂŒnder des Herbartianismus, liegt unter anderem darin, dass er die PĂ€dagogik als Wissenschaft begrĂŒndet und zum universitĂ€ren Lehrfach gemacht hat. Vieles von dem, was Herbart zur PĂ€dagogik geschrieben hat, lĂ€sst sich als kritische Stellungnahme zu den Erziehungsnormen verstehen, die im 19. Jahrhundert im staatlichen Schulsystem PreuĂens angewandt wurden und deren âĂhnlichkeit mit despotischen MaĂregelnâ Herbart zutiefst abstieĂ.cite-ref-193[193]cite-ref-194[194] Eine autoritĂ€re Erziehung, die auf Befehle und auf Furcht vor Strafe setzt, hielt er nicht nur insofern fĂŒr wenig hilfreich, als sie den âgutwilligen Gehorsamâ zunichtezumachen drohe, sondern er war auch ĂŒberzeugt, dass sie der Entwicklung des jungen Menschen generell im Wege stehe.cite-ref-196[195.1] In seinem Umriss pĂ€dagogischer Vorlesungen (1841) unterscheidet er beim SchĂŒler zwischen einem Gehorsam, âwelcher dem Erzieher persönlich, sei es aus Furcht oder aus AnhĂ€nglichkeit, geleistet wirdâ, und einem höheren Gehorsam, der aus sittlicher Einsicht erfolge; am Anfang der Erziehung mĂŒsse der erstere stehen, damit der letztere sich daraus entwickeln könne.cite-ref-197[195.2] Der preuĂischen Schuldiziplin, in der Gehorsam um seiner selbst willen gepflegt wurde, stellte Herbart die Forderung nach MoralitĂ€tserziehung, Schulung des Denkens und Wissensvermittlung entgegen.cite-ref-198[196]
Zu den wenigen Vertretern der ReformpĂ€dagogik, die ĂŒber den Gehorsam explizit theoretisierten, zĂ€hlt Siegfried Bernfeld (1892â1953), der als Psychoanalytiker auch der ersten Generation der Freudomarxisten angehörte. In seinem 1928 publizieren Aufsatz Die Formen der Disziplin in Erziehungsanstalten analysiert er Formen der Herrschaft in Schulen, Internaten und anderen Erziehungseinrichtungen und plĂ€diert fĂŒr die demokratische Option:cite-ref-199[197]cite-ref-200[198]
âDie demokratische Disziplin hingegen bietet die Chance, daĂ der Zögling als Erwachsener die komplizierten Bedingungen der heutigen Gesellschaft â in der er nun heute zu leben hat â ĂŒberschauen kann, und eine Neigung gewonnen hat, Konflikte durch Ausgleich (KompromiĂ) zu lösen, zwischen legal und traditional geregelten, zwischen rationalen und irrationalen Gebieten zu unterscheiden, BĂŒrokratie zu begreifen und zu kontrollieren.â
â
Siegfried Bernfeld
:
Die Formen der Disziplin in Erziehungsanstalten, S. 389
Bernfeld leistet in diesem Text genaue Begriffsbestimmungen fĂŒr den Gehorsam in der Familie, im MilitĂ€r und in der Demokratie. So gehorche das Kind in der Familie Verhaltensanweisungen, die auf den persönlichen WĂŒnschen der Erwachsenen basieren, sehr heterogen motiviert seien und mehrheitlich nicht durch Gebote oder Verbote bekannt gemacht werden, sodass es Kind die zugrundeliegenden Regeln âdurch verallgemeinernde Empirieâ finden mĂŒsse. Alle disziplinĂ€ren Prozesse seien in der Familie stark âmit affektiven Momentenâ durchdrungen, beispielsweise insofern, als elterliche AutoritĂ€tsansprĂŒche oft gleichzeitig LiebesansprĂŒche sind. âDie Folgsamkeit des Kindes ist in erster Linie dadurch bedingt, dass es 1. affektiv abhĂ€ngig ist von Beifalls- (Liebe) und MiĂfallensĂ€uĂerungen (Lieblosigkeit) der AutoritĂ€tspersonen. Dieses Motiv wird unterstĂŒtzt 2. durch Einsicht a) als VerstĂ€ndnis des Verlangten, b) als Zustimmung zu dem Verlangten als âberechtigtâ; 3. durch seine physische AbhĂ€ngigkeit (schmerzhafte Strafen, physische Nachteile bei Sorglosigkeit, Uninteressiertheit der AutoritĂ€tspersonen).âcite-ref-201[199]
Den militĂ€rischen Gehorsam beschreibt Bernfeld als unbedingtes, genaues und promptes Befolgen âvon prĂ€zisierten Befehlen von Vorgesetztenâ, wobei fĂŒr jeden Spezial- und Sonderfall eine eindeutige Verhaltensregel gegeben sei, die jedem Soldaten durch eigene Befehle (Reglements) bekannt sei. âDie Folgsamkeit der Soldaten ist gewĂ€hrleistet durch 1. und letzten Endes physische EinschrĂ€nkungen, Leiden, schlieĂlich GefĂ€hrdung des Lebens; 2. wird sie gesichert und erleichtert durch a) FolgsamkeitsprĂ€mien, die physische und psychische GenuĂchancen, Erleichterungen enthalten; b) durch mannigfaltige affektive Momente, die teils ideologisch (als Patriotismus, StandesbewuĂtsein z. B.), teils erotisch (Kameradschafts-, FĂŒhrerliebe) erlebt werden (und libidotheoretisch als befriedigende Verwertung zielabgelenkter, sublimierter Libido zu verstehen sind).âcite-ref-202[200]
Die demokratische Disziplin, so schreibt Bernfeld schlieĂlich, verlange vom BĂŒrger sowohl Wohlverhalten (Anstand, âFĂŒgsamkeit gegenĂŒber Konventionen, Traditionen, Ideologienâ) als auch Gehorsam (LegalitĂ€t, âFĂŒgsamkeit gegenĂŒber Gesetzen und Behördenâ).cite-ref-203[201] âDie Folgsamkeit des BĂŒrgers ist durch rationale Motive (Vermeidung gesetzlicher BeeintrĂ€chtigungen) und durch irrationale (AbhĂ€ngigkeit von der öffentlichen Meinung) gerantiert.âcite-ref-204[202] Bernfelds besonderes Verdienst als Theoretiker des Gehorsams liegt darin, dass er aufgewiesen hat, wie Kinder und Jugendliche, weil sie sich in der Entwicklung befinden, auf eine Disziplin angewiesen sind, die dynamisch ist und sich dem Stand ihrer jeweiligen Reife anpasst â was bei der demokratischen Disziplin am ehesten gegeben sei.cite-ref-205[203]
In den Schriften der meisten ReformpĂ€dagogen kommt der Gehorsamsbegriff jedoch kaum vor. So schrieb etwa Maria Montessori (1870â1952) 1934 â nur Ă€uĂerst beilĂ€ufig â einmal: â[âŠ] Gehorsam bedeutet Zustimmung, bedeutet die Möglichkeit, dem Willen eines anderen folgen zu könnenâ, wobei sie implizierte, dass bei seelisch gesunden Kindern diese Möglichkeit ganz natĂŒrlich vorliegt.cite-ref-206[204]
Der BegrĂŒnder der Jenaplan-ReformpĂ€dagogik Peter Petersen (1884â1952) veröffentlichte 1937 sein Bekenntnis zu einer von Rousseau inspirierten Erziehung, bei welcher der Erzieher unsichtbar alle FĂ€den in der Hand hĂ€lt, wĂ€hrend die SchĂŒler im Glauben gehalten werden, selbstbestimmt zu lernen.cite-ref-207[205] Bereits 1931 hatte er geschrieben: âIch darf nicht das GefĂŒhl haben, dass mir Gewalt angetan wird, gegen die ich gar anknirschen möchte.âcite-ref-208[206]
Philosophie des 19. Jahrhunderts
Der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau (1817â1862), der in seinem 1849 publizierten Essay Ăber die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat den Begriff des zivilen Ungehorsams (engl. civil disobedience) prĂ€gte und hier auch den ersten bedeutenden theoretischen Text zu diesem Thema vorlegte, war anders als die Philosophen der AufklĂ€rung vom Konzept des Staates bereits enttĂ€uscht; denn er sah auch im demokratischen Staat nicht das menschliche Gewissen oder den Sinn fĂŒr Moral walten, sondern Mehrheiten, deren Entscheidungen offenkundig auch problematisch sein konnten. Dass der amerikanische Staat die Sklaverei anerkannt und einen Eroberungskrieg gegen Mexiko gefĂŒhrt hatte, war fĂŒr Thoreau Grund genug, die StaatsautoritĂ€t als solche zu verneinen. Anders als Sokrates wollte er durch Ungehorsam (GesetzesbrĂŒche, insbesondere Steuerverweigerung) den Staat darum nicht verbessern, sondern auflösen.cite-ref-209[207] Thoreau wurde darum spĂ€ter wiederholt als Vordenker des Anarchismus eingestuft.cite-ref-210[208]
Friedrich Nietzsche (1844â1900), in dessen Werk das Thema des Machtwillens eine entscheidende Rolle spielt, hat ĂŒber den Gehorsam unter anderem in Menschliches, Allzumenschliches (1878), in seiner Aphorismensammlung Morgenröte (1881), in Also sprach Zarathustra (1883â1885) und in Jenseits von Gut und Böse (1886) geschrieben. Also sprach Zarathustra umfasst u. a. das Kapitel Von alten und jungen Weiblein, in dem Zarathustra seine Auffassung darlegt, dass es die Bestimmung der Frau sei zu gehorchen; das Kapitel endet mit der notorischen Sentenz âDu gehst zu Frauen? VergiĂ die Peitsche nicht!âcite-ref-211[209]cite-ref-212[210] Im Kapitel Von der SelbstĂŒberwindung spricht Zarathustra von seiner Einsicht, dass alles Lebendige ein Gehorchendes sei und dass das Leben auf der Wechselwirkung von Befehlen und Gehorchen beruhe, wobei die treibende Kraft â selbst hinter dem Willen zum Gehorsam â der Wille zur Macht sei.cite-ref-213[211]cite-ref-214[212] Im Kapitel Von alten und neuen Tafeln, einem der zentralen des Buches, erklĂ€rt Zarathustra, dass nur wenige zum Befehlen, die meisten aber zum Gehorchen berufen seien.cite-ref-215[213]cite-ref-216[214]
20. Jahrhundert
gehorsam-20-jh
Psychoanalyse
Die besondere Leistung des BegrĂŒnders der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856â1939) im Hinblick auf die Theorie von AutoritĂ€t und Gehorsam besteht darin, dass er die bis dahin unangefochtene Entgegensetzung von Selbst- und Fremdbestimmung insofern relativiert hat, als er aufwies, dass AutoritĂ€t und Zwang vom Menschen verinnerlicht werden können:
âWĂ€hrend des individuellen Lebens findet eine bestĂ€ndige Umsetzung von Ă€uĂerem Zwange in inneren Zwang statt. [âŠ] Man darf endlich annehmen, daĂ aller innere Zwang, der sich in der Entwicklung des Menschen geltend macht, ursprĂŒnglich, d. h. in der Menschheitsgeschichte nur Ă€uĂerer Zwang war.â
â
Sigmund Freud
:
ZeitgemĂ€Ăes ĂŒber Krieg und Tod
Die neue Gehorsam gebietende Instanz, die er in den philosophischen Diskurs um AutoritĂ€t eingefĂŒhrt hat, nannte Freud das âĂber-Ichâ.cite-ref-218[216] SpĂ€ter entwickelte er die These, dass die menschliche Kulturentwicklung maĂgeblich durch die Entwicklung von der Fremddisziplin zur Selbstdisziplin bestimmt sei.cite-ref-219[217]cite-ref-220[218] Der Soziologe Norbert Elias hat diese These anschlieĂend in seinem Hauptwerk, Ăber den ProzeĂ der Zivilisation (1939), aufgenommen und fortentwickelt; auf umfangreiches historisches Material gestĂŒtzt, beschrieb er, wie der âgesellschaftliche Zwang zum Selbstzwangâ die Entwicklung der Zivilisation vorangetrieben hat.cite-ref-221[219]cite-ref-222[220] Wie die Disziplinierung durch Selbstdisziplinierung ersetzt wurde, hat Michel Foucault 1977 noch detaillierter dargestellt.cite-ref-223[221]
Die Fraglichkeit einer einfachen Unterscheidbarkeit von Fremd- und Selbstbestimmung Ă€nderte, wie Markus Rieger-Ladich aufgewiesen hat, nichts daran, dass âdas emphatische PlĂ€doyer fĂŒr MĂŒndigkeitâ innerhalb der PĂ€dagogik auch im 21. Jahrhundert weiterhin allgegenwĂ€rtig sei. Rieger-Ladich hat auch gezeigt, wie der MĂŒndigkeitsbegriff hier oft ohne inhaltliche Begriffsbestimmung und schlagwortartig verwendet werde.cite-ref-224[222] Auf den ebenfalls weithin ĂŒblichen rhetorischen Missbrauch eines nicht sauber theoretisch begrĂŒndeten Autonomiebegriffs hat Ludwig A. Pongratz hingewiesen.cite-ref-225[223]
Soziologie der Herrschaft
In der Soziologie der Herrschaft ist der Gehorsam ein zentraler Begriff, weil ein VerstĂ€ndnis der Prozesse der Entstehung, der Aufrechterhaltung und des Zerfalls von HerrschaftsverhĂ€ltnissen voraussetzt, dass die Motive bekannt sind, aus denen heraus den Anweisungen des oder der Herrschenden gehorcht wird.cite-ref-baumann355-226-0[224] Einen der wichtigsten theoretischen BeitrĂ€ge hierzu hat Max Weber (1864â1920) geleistet. Weber, der meist den Terminus âFĂŒgsamkeitâ bevorzugt, hat â implizit und ĂŒber verschiedene seiner Schriften hinweg verstreut â eine Typologie der Gehorsamsmotive geschaffen, die es unter anderem erlaubt, die besondere Stellung des LegitimitĂ€tsglaubens zu erklĂ€ren, wobei er sich keineswegs allein auf die politische SphĂ€re, sondern explizit auch auf die âhausvĂ€terlicheâ und die âamtlicheâ Durchsetzungsmacht bezieht; seine Ăberlegungen gelten damit auch fĂŒr die AutoritĂ€t von Eltern und von Lehrern öffentlicher Schulen.cite-ref-227[225]
Weber unterscheidet insbesondere zwischen normativen und nicht-normativen Gehorsamsmotiven.cite-ref-228[226] Der LegitimitĂ€tsglaube ist das einzige normative Motiv;cite-ref-229[227] Weber versteht darunter âden Glauben, dass bestimmte Akteure normativ berechtigt sind, Befehle zu erteilen und Gehorsam zu fordern, andere Akteure normativ verpflichtet sind, diesen Befehlen Folge zu leistenâ. Der Legitimationsglaube spielt in Webers Ăberlegungen deshalb die zentrale Rolle, weil seiner Ăberzeugung nach Herrschaft nur dann dauerhaft bestehen kann, wenn ihre Legitimation allgemein akzeptiert wird.cite-ref-230[228] Die Einwilligungsmotive in asymmetrische Sozialbeziehungen dĂŒrfen möglichst wenig situationsbezogen sein, sondern mĂŒssen möglichst hohe Dauerhaftigkeit besitzen.cite-ref-231[229] Bei den nicht-normativen Gehorsamsmotiven unterscheidet er affektuelle (z. B. begrĂŒndet im Charisma des Herrschenden, persönliche Neigung des Beherrschten), traditionale (z. B. blind eingeĂŒbte dumpfe Gewöhnung, Sitte), wertrationale (z. B. ideelle) und zweckrationale (z. B. materielle Motive, InteressenkalkĂŒl) Motive sowie den Wunsch der Beherrschten, negative Sanktionen zu vermeiden.cite-ref-232[230]
Explizitere, aber weniger leistungsfĂ€hige Typologisierungen des Gehorsams haben in den 1960er und 1970er Jahren die amerikanischen Soziologen Amitai Etzioni und Talcott Parsons vorgenommen. Etzioni (1929â2023), der fĂŒr âGehorsamâ die Bezeichnung compliance bevorzugt, unterscheidet drei zentrale Gehorsamsarten: âcoerciveâ (erzwungen), âutilitarianâ und ânormative complianceâ.cite-ref-233[231]cite-ref-234[232] Parsons (1902â1979) unterscheidet bei der Art der Einflussnahme und folglich auch bei den Einwilligungsmotiven zwischen âinducementâ (Anreiz), âcoercionâ (Zwang), âpersuasionâ (Ăberredung) und âactivation of commitmentsâ (Bindung).cite-ref-235[233]
Nationalsozialismus
In seiner 1925 veröffentlichten politisch-ideologischen Programmschrift Mein Kampf nennt Adolf Hitler (1889â1945) den Gehorsam unter anderem im Zusammenhang mit dem Schwur, den er und seine Kameraden im Herbst 1914 vor ihrer âFeuertaufeâ in Flandern geleistet hatten: âTreue und Gehorsam bis in den Todâ.cite-ref-236[234] Dieser wahren âmilitĂ€rische[n] Disziplin und Unterordnungâ stellt er den ââfreiwilligenâ Gehorsam[âŠ] â wie man den Saustall unter Kurt Eisner so schön zu bezeichnen pflegteâ gegenĂŒber; als ein AnfĂŒhrer der von Hitler als Katastrophe bewerteten deutschen Novemberrevolution hatte Eisner 1918 âFreistaat Bayernâ ausgerufen.cite-ref-237[235] Gehorsam ist fĂŒr Hitler darum sowohl in der Truppe als auch in der Partei unabdingbar:
âMan begriff nie, daĂ die StĂ€rke einer politischen Partei keineswegs in einer möglichst groĂen und selbstĂ€ndigen Geistigkeit der einzelnen Mitglieder liegt, als vielmehr im disziplinierten Gehorsam, mit dem ihre Mitglieder der geisten FĂŒhrung Gefolgschaft leisten. Das Entscheidende ist die FĂŒhrung selbst. Wenn zwei Truppenkörper miteinander kĂ€mpfen, wird nicht derjenige siegen, bei dem jeder einzelne die höchste strategische Ausbildung erhielt, sondern derjenige, der die ĂŒberlegenste FĂŒhrung und zugleich die disziplinierteste, blindgehorsamste, bestgedrillte Truppe hat.â
â
Adolf Hitler
:
Mein Kampf, S. 510
Da Hitlers Denken ungeachtet seiner militĂ€rischen Phraseologie letztlich nicht â wie etwa das Denken im Wilhelminismus â militaristisch, sondern rassenideologisch begrĂŒndet war, nannte er als diejenige letzte Instanz, der Gehorsam geschuldet werde, die (arische) Volksgemeinschaft.cite-ref-239[237]cite-ref-240[238] Seinen persönlichen Anspruch auf FĂŒhrung und Erlösung der Volksgemeinschaft begrĂŒndete Hitler in Mein Kampf mit einem Erweckungserlebnis im Kontext des Ersten Weltkrieges.cite-ref-241[239]
Der Freudomarxismus und die Folgen
Dass ein Gehorsam, der gegen anerkannte Normen verstöĂt, verwerflich sei, war bereits in der Antike anerkannt. In der Moderne entstand die Idee, dass Gehorsam an sich problematisch sei. So hat der austroamerikanische Psychoanalytiker und Soziologe Wilhelm Reich (1897â1957), BegrĂŒnder und einer der wichtigsten Vertreter des Freudomarxismus, in seinem Buch Massenpsychologie des Faschismus (1933) die Gehorsamsbereitschaft mit der Charakterstruktur des âreaktionĂ€ren Menschenâ in Verbindung gebracht, eines Persönlichkeitstyps, der fĂŒr den deutschen Faschismus ganz charakteristisch sei.cite-ref-242[240]
Angeregt von Reichs Thesen, hat der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm (1900â1980) ebenfalls in den 1930er Jahren das Konzept des autoritĂ€ren Charakters entwickelt.cite-ref-244[242] 1941 schrieb er in Escape from Freedom mit Bezug auf Adams SĂŒndenfall:
âThe act of disobedience as an act of freedom is the beginning of reason.â
âDer Akt des Ungehorsams als Akt der Freiheit ist der Beginn der Vernunft.â
â
Erich Fromm
:
Escape from Freedom, S. 38
Als Psychoanalytiker war Fromm â anders als etwa Spinoza â weniger an einer Verbesserung des Glaubens noch an einer Verbesserung des Staates interessiert; seine Aufmerksamkeit galt vielmehr ganz vorrangig der Seele des individuellen Menschen, der, wie Fromm ĂŒberzeugt war, durch Gehorsamszwang âseinen Sinn fĂŒr Stolz und WĂŒrdeâ verliere.cite-ref-245[243] Bereits die jĂŒdisch-christliche Lehre habe mit ihrer Gehorsamsforderung auf eine SelbstdemĂŒtigung der GlĂ€ubigen gezielt.cite-ref-246[244] Die Reformation und in ihrem Gefolge der Kapitalismus haben, da sie mit der Befreiung auch die Individualisierung gebracht haben, die profunde Verunsicherung des Menschen nicht beheben können, ihm aber die Gelegenheit eröffnet, wenigstens in seinem Zuhause wie ein König aufzutreten, wo Frau und Kinder ihm gehorchen.cite-ref-247[245] Wie Spinoza unterschied auch Fromm zwischen einer AutoritĂ€t, die im Interesse des Gehorchenden ausgeĂŒbt wird (rational kind of authority), und einer solchen, die seinem Interesse entgegensteht (inhibiting kind of authority), ist jedoch ĂŒberzeugt, dass beide nur selten in Reinform vorliegen. Weiterhin unterschied er zwischen einem heteronomen und einem autonomen Gehorsam, wobei er unter dem letzteren einen Gehorsam gegenĂŒber der eigenen Vernunft und Ăberzeugung verstand; dem Dilemma, diese Unterscheidung aufrechtzuerhalten, obwohl Freud die Dichotomie zuvor zu Recht in Frage gestellt hatte, versuchte er dadurch zu begegnen, dass er den âheteronomenâ Gehorsam an ein âautoritĂ€res Gewissenâ, den âautonomenâ aber an ein âhumanistisches Gewissenâ knĂŒpfte.cite-ref-fromm1963-248-0[246] Ein besonderer Beitrag, den Fromm zur Theorie des Gehorsams geleistet hat, besteht in seinem Hinweis, dass das AutoritĂ€tsgefĂ€lle zwischen Lehrer und SchĂŒler das einzige sei, das darauf abziele, sich selbst aufzuheben.cite-ref-fromm148-249-0[247]
Max Horkheimer (1895â1973) und Theodor W. Adorno (1903â1969), zwei der wichtigsten Vertreter der Frankfurter Schule, denen spĂ€ter die antiautoritĂ€re Bewegung der 1960er und 1970er Jahre entscheidende Anregungen verdankte, haben in ihrem meistrezipierten Werk, der Dialektik der AufklĂ€rung (1944), anders als Hegel das Gehorsamsprinzip insbesondere dem Protestantismus angelastet.cite-ref-250[248] Im Mittelpunkt von Adornos PĂ€dagogik steht das von Kant (âAufklĂ€rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten UnmĂŒndigkeitâcite-ref-251[249]) prominent ausgearbeitete Ziel der geistigen Autonomie: das âUrteil nach eigener Einsicht â im Gegensatz zur Heteronomie, zum Gehorsam gegen fremd Anbefohlenesâ.cite-ref-252[250] Anders als viele der von ihm inspirierten PĂ€dagogen hielt Adorno, der sich hier an Freuds Psychoanalyse anlehnte, eine autoritĂ€re Bindung des Kindes an seinen Erzieher jedoch fĂŒr unverzichtbar, da der Mensch in der frĂŒhen Kindheitsphase bei der geistig-emotionalen Entwicklung aus genetischen GrĂŒnden die Identifikation mit einer AutoritĂ€tsperson brauche.cite-ref-253[251]cite-ref-254[252] Horkheimer beeinflusste die antiautoritĂ€re Bewegung auch mit seiner EinschĂ€tzung, dass die bĂŒrgerliche Kleinfamilie mit ihrer patriarchalen Ordnung das Kind auch fĂŒr die gesellschaftlichen AutoritĂ€tsverhĂ€ltnisse ausbilde.cite-ref-255[253]
Der britische ReformpĂ€dagoge Alexander Sutherland Neill (1883â1973), der seine Ăberlegungen zur Erziehung 1960 in dem Buch Summerhill. A radical approach to child rearing dargelegt hat, folgt darin Wilhelm Reich und Erich Fromm.cite-ref-256[254] Als GrĂŒnder und Leiter eines Reforminternats war Neill Praktiker und hat zur Theorie des Gehorsams nichts beigetragen, was ĂŒber die Gedanken von Reich und Fromm hinausgeht. Neill unterscheidet in seinem Buch jedoch zwei Typen von Kindern: Das konventionell erzogene, âunfreieâ Kind, das vom SĂ€uglingsalter an zum Wohlverhalten gezwungen oder gedrĂ€ngt wurde, beschreibt er als gehorsam, nachgiebig, brav, angepasst, unkritisch und tendenziell neurotisch.cite-ref-257[255] Das âfreieâ Kind dagegen, so erklĂ€rt Neill, werde zwar geliebt und geschĂŒtzt und zu Respekt erzogen, sei idealerweise aber schon von Geburt an selbstreguliert aufgewachsen und entwickele sich dadurch zu einer Persönlichkeit, die aufrichtig, frei von Angst und von Aggression, entspannt, mitfĂŒhlend und glĂŒcklich sei.cite-ref-258[256] Neill ist ĂŒberzeugt, dass Gehorsam nur in den seltenen Situationen erforderlich sei, wenn dem Kind, etwa angesichts einer physischen Gefahr, wirklich gravierender Schaden drohe. In jedem anderen Zusammenhang versteht er Gehorsam als eine Frage des sozialen Entgegenkommens, das â als formlos vorgetragener Wunsch â, wenn eine Situation es nahelegt, grundsĂ€tzlich jeder von jedem einfordern könne.cite-ref-259[257]
Zu den besonderen Leistungen der 68er-Bewegung zĂ€hlt, wie Hans Magnus Enzensberger aufgewiesen hat, dass sie erstmals in der deutschen Geschichte den zivilen Ungehorsam möglich gemacht hat.cite-ref-260[258] Eine in dieser Zeit weitverbreitete Form des zivilen Ungehorsams war das aus der amerikanischen BĂŒrgerrechtsbewegung ĂŒbernommene Sit-in (seit 1966).cite-ref-261[259] Von 1969 an kamen Hausbesetzungen hinzu.cite-ref-262[260] Anregend wirkte hier unter anderem das 1971 erschienene Buch Eine Theorie der Gerechtigkeit des amerikanischen Philosophen John Rawls (1921â2002), der, abweichend von Thoreau und in Ăbereinstimmung mit Sokrates, einen zivilen Ungehorsam forderte, der sich unter grundsĂ€tzlicher Anerkennung der Verfassungsordnung vollzieht.cite-ref-263[261] In Organisationsformen wie den RevolutionĂ€ren Zellen und der RAF folgte in Deutschland in den 1970er Jahren auf den zwar illegalen, aber nicht gegen die körperliche Unversehrtheit von Personen gerichteten Widerstand, der Studentenbewegung und APO gekennzeichnet hatte, jedoch auch eine Wendung ins Terroristische.cite-ref-264[262]
SpĂ€testens 1971 erscheint im gesellschaftlichen Diskurs um den Gehorsam erstmals auch der Terminus âvorauseilender Gehorsamâ, der seine hĂ€ufigste Verwendung seitdem im Zusammenhang des MitlĂ€ufertums in der Zeit des Nationalsozialismus gefunden hat.cite-ref-265[263]cite-ref-266[264]
Die theoretische Grundlegung der antiautoritĂ€ren Erziehung, die eine kindliche Gehorsamspflicht fundamental verneint und ablehnt, begann in den spĂ€ten 1960er Jahren, wobei zunĂ€chst die Idee im Mittelpunkt stand, durch eine radikale Demokratisierung der Erziehung das Heranwachsen einer Generation von Kindern zu fördern, die politischen Widerstand gegen die kapitalistische Ausbeutung, UnterdrĂŒckung und Entfremdung leisten wĂŒrden.cite-ref-267[265] Lutz von Werder hat dabei sozialistische Autoren der 1920er Jahre wie Otto RĂŒhle, Anna Siemsen, Edwin Hoernle, Otto Felix Kanitz, Paul Oestreich, Fritz Karsen und Siegfried Bernfeld als vermeintliche Vordenker einer antiautoritĂ€ren Erziehung âwiederentdecktâ.cite-ref-268[266] In der 1967 entstandenen Kinderladenbewegung hat eine solche proletarisch-revolutionĂ€re Erziehung meist jedoch keine Rolle gespielt; vielmehr traten dort vor allem libertĂ€re und liberale Formen der antiautoritĂ€ren Erziehung in Erscheinung, die Neill folgten und wenig politisch waren.cite-ref-269[267]cite-ref-270[268] Monika Seifert (1932â2002), die 1967 in Frankfurt-Eschersheim den ersten Kinderladen grĂŒndete, war eine Tochter von Alexander Mitscherlich und Studentin von Theodor W. Adorno und hatte entscheidende Anregungen von Horkheimer, von Neill und von Paul und Jean Rittercite-ref-271[269] empfangen.cite-ref-272[270] In der ersten HĂ€lfte der 1970er Jahre gingen Ekkehard von BraunmĂŒhl (1940â2020) und Hubertus von Schoenebeck (* 1947) noch einen Schritt weiter als die AntiautoritĂ€ren und begrĂŒndeten die AntipĂ€dagogik, die ĂŒber den kindlichen Gehorsam hinaus auch jegliche Erziehung als menschenverachtende Fremdbestimmung des Kindes verwirft.cite-ref-273[271]
Die Frankfurter Schule, Alexander Neill und die Vertreter der antiautoritĂ€ren Erziehung hatten psychoanalytisches Gedankengut zwar rezipiert, ihr Blick auf die Erziehung war jedoch kein primĂ€r psychoanalytischer gewesen, sondern entweder pĂ€dagogisch-praxisorientiert (Neill, Kinderladenbewegung) oder historisch-politisch (Frankfurter Schule, proletarisch-revolutionĂ€rer FlĂŒgel der AntiautoritĂ€ren). Eine Wiederbelebung erfuhr die psychoanalytische Erziehungskritik, als Katharina Rutschky (1941â2010) und Alice Miller (1923â2010) in der zweiten HĂ€lfte der 1970er Jahre das Schlagwort von der âschwarzen PĂ€dagogikâ prĂ€gten. Mit diesem Ausdruck bezeichneten sie eine dysfunktionale Mainstream-Erziehung, bei der ein seelisch beschĂ€digter Erzieher aus persönlichem Selbsterhöhungsbestreben den Willen des Kindes breche; wenn dieses Kind spĂ€ter selbst zum Erzieher wird, reiche es die prekĂ€re seelische Verfassung wiederum an die nĂ€chste Generation weiter. Im Unterschied zu den Psychoanalytikern Wilhelm Reich und Erich Fromm, deren Erkenntnisobjekt spezifisch der nationalsozialistische Sozialcharakter gewesen war, verzichteten Rutschky und Miller konsequent auf gesellschaftshistorische Analysen und verstanden die âschwarze PĂ€dagogikâ als ein nicht zeitgebundenes PhĂ€nomen, das sie auch in ihrer Gegenwart noch am Werke sahen.cite-ref-274[272]cite-ref-275[273] Wie vor ihr bereits Fromm, so hatte auch Miller aufgewiesen, dass gehorsame Missbrauchsopfer ihre autoritĂ€ren Peiniger â â(1) um das schmerzhafte und gefĂ€hrliche GefĂŒhl des Hasses zu entfernen und (2) um das GefĂŒhl der DemĂŒtigung zu mildernâcite-ref-fromm148-249-1[247] â hĂ€ufig nicht nur von Schuld freisagen, sondern sogar bewundern und idealisieren.cite-ref-276[274] Der Erziehungswissenschaftler Friedrich Koch und der Psychoanalytiker Arno Gruen sind Rutschkys und Millers GedankengĂ€ngen noch im spĂ€ten 20. und frĂŒhen 21. Jahrhundert gefolgt.cite-ref-277[275]cite-ref-278[276]cite-ref-279[277]
Philosophie der Nachkriegszeit
Die deutsch-amerikanische Philosophin Hannah Arendt (1906â1975) nahm in mehreren ihrer Schriften, die zwischen 1954 und 1970 erschienen sind, eine grundlegende Unterscheidung zwischen AutoritĂ€t einerseits und Macht und Gewalt andererseits vor.cite-ref-wia2-280-0[278]cite-ref-281[279] Sie schrieb, dass erstere, weil sie Gehorsam verlangt, mit den beiden letzteren oft verwechselt werde. AutoritĂ€t sei jedoch stets die AutoritĂ€t einer individuellen Person und basiere auf einer von den Gehorchenden als rechtmĂ€Ăig anerkannten Hierarchie; Gehorsam brauche sie darum weder zu erzwingen noch durch argumentierende Ăberredung einzuwerben.cite-ref-wia2-280-1[278] Als Beispiele nannte sie die Eltern-Kind-Beziehung, die Lehrer-SchĂŒler-Beziehung und die mit einem Amt verbundene AutoritĂ€t, wie sie z. B. den römischen Senatoren verliehen war.cite-ref-282[280] Arendt argumentierte, dass AutoritĂ€t in der Erziehung â und nur dort â ihre Notwendigkeit und Berechtigung habe. Dabei galt ihre Kritik einerseits einer in ihrer Zeit noch weit verbreiteten Rhetorik, die das Modell der Erziehung durch AutoritĂ€t ins Politische zu ĂŒbertragen versuchte (was nach Arendts Ăberzeugung der Verschleierung von MachtansprĂŒchen diene),cite-ref-283[281] und andererseits der zeitgenössischen amerikanischen Bildungspolitik, die â auf Kosten der LehrerautoritĂ€t â die Unterschiede zwischen SchĂŒlern und Lehrern zu nivellieren suchte, was fĂŒr die Kinder grausame Konsequenzen habe:cite-ref-crisis5-284-0[282]
âTherefore by being emancipated from the authority of adults the child has not been freed but has been subjected to a much more terrifying and truly tyrannical authority, the tyranny of the majority. [âŠ] They are either thrown back upon themselves or handed over to the tyranny of their own group, against which, because of its numerical superiority, they cannot rebel, with which, because they are children, they cannot reason, and out of which they cannot flee to any other world because the world of adults is barred to them.â
âDaher wurde das Kind durch die Emanzipation von der AutoritĂ€t der Erwachsenen nicht befreit, sondern einer viel schrecklicheren und wahrhaft tyrannischen AutoritĂ€t unterworfen, der Tyrannei der Mehrheit. [âŠ] Sie werden entweder auf sich selbst zurĂŒckgeworfen oder der Tyrannei ihrer eigenen Gruppe ausgeliefert, gegen die sie wegen deren zahlenmĂ€Ăiger Ăberlegenheit nicht aufbegehren können, mit der sie, weil sie Kinder sind, nicht argumentieren können und vor der sie nicht in irgendeine andere Welt fliehen können, weil ihnen die Welt der Erwachsenen verwehrt bleibt.â
â
Hannah Arendt
:
The Crisis in Education
Hans-Georg Gadamer (1900â2002) machte 1960 in seinem Hauptwerk Wahrheit und Methode, das fĂŒr die philosophische Hermeneutik grundlegend war, auf gedankliche LĂŒcken aufmerksam, die den Philosophen der AufklĂ€rung unterlaufen sind, als sie AutoritĂ€t und Vernunft â und damit auch Gehorsam und MĂŒndigkeit â zum kontradiktorischen Gegensatzpaar erklĂ€rten:
âSofern die Geltung der AutoritĂ€t an die Stelle des eigenen Urteils tritt, ist AutoritĂ€t in der Tat eine Quelle von Vorurteilen. Aber daĂ sie auch eine Wahrheitsquelle sein kann, ist damit nicht ausgeschlossen, und das hat die AufklĂ€rung verkannt, als sie schlechthin alle AutoritĂ€t diffamierte. [âŠ] In der Tat ist nicht nur die Diffamierung aller AutoritĂ€t ein durch die AufklĂ€rung selber festgewordenes Vorurteil. Sie hat auch dazu gefĂŒhrt, dass der Begriff der AutoritĂ€t deformiert worden ist. Auf dem Grunde eines aufklĂ€rerischen Begriffs von Vernunft und Freiheit konnte sich mit dem Begriff der AutoritĂ€t das schlechthinnige Gegenteil von Vernunft und Freiheit, der blinde Gehorsam, verbinden. Das ist die Bedeutung, die wir aus dem Sprachgebrauch der Kritik an den modernen Diktaturen kennen.â
â
Hans-Georg Gadamer
:
Wahrheit und Methode, S. 263
Dabei verwies Gadamer auch auf René Descartes, der bereits 1637 gezeigt hatte, dass die UnabhÀngigkeit von AutoritÀt allein noch keinen guten Gebrauch der Vernunft garantiere.cite-ref-286[284]cite-ref-287[285]
Gegenwart â Aktuelle Strömungen in der Erziehung
In den Vereinigten Staaten unterschied die Entwicklungspsychologin Diana Baumrind (1927â2018) in den spĂ€ten 1960er Jahren drei verschiedene Erziehungsstile: 1. einen autoritĂ€ren Erziehungsstil mit hohem Anspruch an Gehorsam und geringer ResponsivitĂ€t, 2. einen autoritativen Erziehungsstil mit hohem Anspruch an Gehorsam und hoher ResponsivitĂ€t und 3. einen permissiven Erziehungsstil mit geringem Anspruch an Gehorsam. In Langzeitstudien beobachtete Baumrind, dass autoritativ erzogene Kinder tendenziell seltener verhaltensauffĂ€llig, besser in der Schule, glĂŒcklicher und autonomer als andere Kinder sind.cite-ref-darling-288-0[286]
In der deutschsprachigen pĂ€dagogischen Ratgeberliteratur fanden sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts erneut PlĂ€doyers fĂŒr mehr elterliche AutoritĂ€t (Albert Wunsch: Die Verwöhnungsfalle, 2000; Albert Wunsch: Abschied von der SpaĂpĂ€dagogik, 2003; Bernhard Bueb: Lob der Disziplin â Eine Streitschrift, 2006; Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden, 2008), deren Autoren, weil sie zu Theorie und Empirie des Gehorsams kaum Neues hinzugefĂŒgt haben, teils methodisch kritisiert worden sind, teils deshalb, weil man ihnen vorwarf, das Rad der Zeit zurĂŒckdrehen und zu obsoleten Erziehungsmethoden zurĂŒckkehren zu wollen.cite-ref-289[287]cite-ref-290[288] Der besonders im deutschsprachigen Raum rezipierte dĂ€nische Familientherapeut Jesper Juul (1949â2019) hat gemeinsam mit seiner Fachkollegin Helle Jensen 2004 einen Ratgeber Kompetent erziehen. Vom Gehorsam zur Verantwortung publiziert.cite-ref-291[289]
WĂ€hrend der (vermutete oder nachgewiesene) Nutzen und Schaden der AutoritĂ€t in der Erziehung in PĂ€dagogik und Ăffentlichkeit bis in die Gegenwart kontrovers diskutiert wird, findet der Theoriediskurs ĂŒber die LegitimitĂ€t dieser AutoritĂ€t â anders als der Diskurs ĂŒber die LegitimitĂ€t politischer Herrschaft â selbst innerhalb des Faches wenig Beachtung. Beigetragen hat zu diesem Thema aber etwa der Erziehungswissenschaftler Friedhelm BrĂŒggen (* 1949).cite-ref-292[290]
Dimensionen des Gehorsams
Dieser Abschnitt bildet weitgehend eine sachlich strukturierte Zusammenfassung des Abschnitts zur Begriffsgeschichte. Quellen und Einzelnachweise sind dort zu finden.
Instanzen
Gehorsam ist stets gegen eine ĂŒbergeordnete Instanz gerichtet, wobei u. a. folgende Arten von Instanzen unterschieden werden können:
Gott
Alle drei abrahamitischen Weltreligionen â das Judentum, das Christentum und der Islam â fordern, noch vor allen anderen Geboten, den Gottgehorsam.
Religiöse Gebote
Beginnend mit dem Sinaibund, ist fĂŒr die GlĂ€ubigen der abrahamitischen Weltreligionen auch der Gehorsam gegenĂŒber einer Vielzahl von religiösen Geboten verbindlich.
Personen
Ebenfalls bereits im Alten Testament sind Geschichten von Königen und anderen Einzelpersonen ĂŒberliefert, die Gehorsam fordern. Mindestens ebenso alt ist der Gedanke, dass Kinder ihren Eltern Gehorsam schulden.
MilitÀr
Seit der Antike unterliegen Soldaten einer militÀrischen Disziplin.
Weltliche Gesetze
Bereits in der griechischen Antike und in der Neuzeit erneut seit der AufklĂ€rung und der SĂ€kularisierung des Staatsbegriffes haben politische Philosophen immer wieder den Gehorsam vor den â von der Gemeinschaft einvernehmlich geschaffenen â Gesetzen gefordert.
Die deutsch-amerikanische Philosophin Hannah Arendt (1906â1975) kritisierte den Gebrauch des Terminus âGehorsamâ, bezogen auf Gesetze; sie war ĂŒberzeugt, dass hier vielmehr âUnterstĂŒtzungâ (engl. support) gemeint gewesen sei, wobei UnterstĂŒtzung â anders als Gehorsam â stets ein Hinterfragen gestatte.cite-ref-293[291]
Weltliche Institutionen
Die Parteidisziplin, die etwa in sozialistischen Einparteiensystemen von den Parteimitgliedern â eventuell auch gegen deren persönliche Ăberzeugung â gefordert wird, bildet ein Beispiel dafĂŒr, dass auch manche nichtstaatliche weltliche Einrichtungen Gehorsam fordern.
Ideologien
In der Zeit des Nationalsozialismus galt, wie Hitler in Mein Kampf dargelegt hat, die âVolksgemeinschaftâ â die in der nationalsozialistischen Ideologie eine zentrale Bedeutung hatte â als die höchste Instanz, der alles andere zu gehorchen habe, und bildet damit ein Beispiel fĂŒr den Gehorsam gegenĂŒber einer Ideologie.
UrsprĂŒnge von GehorsamsverhĂ€ltnissen
In der Philosophie sind vor allem drei UrsprĂŒnge beschrieben worden, aus denen GehorsamsverhĂ€ltnisse entstehen:cite-ref-294[292]
Gewalt
Diderot unterschied bei der politischen AutoritÀt zwischen einem aus Gewalt entstandenen GehorsamsverhÀltnis einerseits und einem solchen andererseits, dem der Gehorchende zugestimmt hat.
Unterwerfungsvertragliche Zustimmung
AuĂer Diderot haben u. a. auch Hobbes, Rousseau und Kant ĂŒber GehorsamsverhĂ€ltnisse theoretisiert, die dadurch zustande kommen, dass der Gehorchende seiner FreiheitsbeeintrĂ€chtigung vertraglich zustimmt.
Erzieherische AutoritÀt
John Locke und Denis Diderot machten darauf aufmerksam, dass die elterliche AutoritÀt die einzige sei, die ihren Ursprung in der Natur habe.
Ăber die Grundlagen der LehrerautoritĂ€t dachte u. a. Friedrich Schleiermacher nach, fĂŒr den der Lehrer ein ReprĂ€sentant des Gesetzes ist, der es seinen SchĂŒlern damit ermöglicht, zu Mitgliedern einer sozialen Gemeinschaft heranzureifen, die ĂŒber den Familienkreis, in den sie hineingeboren sind, hinausreicht.
Hannah Arendt argumentierte â abweichend von Locke und Diderot â, dass die Erziehung der einzige Lebensbereich sei, in welchem AutoritĂ€t, als Funktion einer gesellschaftlich anerkannten Hierarchie, Notwendigkeit und LegitimitĂ€t besitze.
Die Zeitspanne der Gehorsamspflicht
Eine Dimension des Gehorsams, ĂŒber die Philosophen vielfach nachgedacht und geschrieben haben, ist die Zeitspanne, in der erwartet wird, dass ein Mensch einer bestimmten ĂŒbergeordneten Instanz gehorcht.
Lebenslanger Gehorsam
Je abstrakter die Instanz ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass der Gehorsam, der ihr entgegengebracht werden soll, ein lebenslanger Gehorsam ist. Dies gilt besonders fĂŒr den Gottgehorsam, aber etwa auch fĂŒr den Gehorsam gegenĂŒber ideologischen Konstrukten wie der nationalsozialistischen âVolksgemeinschaftâ.
Zeitlich begrenzter Gehorsam
Nach Kant ist der Mensch frei geboren und kann sich einer ĂŒbergeordneten Instanz gegenĂŒber nur auf vertraglicher Grundlage zum Gehorsam verpflichten.
Dass dieser Freiheitsverzicht zwingend zeitlich begrenzt sein mĂŒsse, begrĂŒndete Kant damit, dass der Gehorchende durch einen Vertrag, mit dem er sich zu unbefristetem Gehorsam verpflichtet, aufhören wĂŒrde, eine Person zu sein; als Nicht-Person schulde er jedoch niemandem Gehorsam.
Kindlicher Gehorsam
DarĂŒber, dass die kindliche Gehorsamspflicht damit endet, dass der heranwachsende Mensch lernt, seine Handlungen selbst zu lenken, hat etwa Denis Diderot geschrieben. John Locke hatte zuvor argumentiert, dass der Mensch zwar fĂŒr die Freiheit, aber nicht in Freiheit geboren sei.
Gehorsam bei Normenkollisionen
Befehle können mit sozialen Normen â etwa moralischen Regeln â im Widerspruch stehen. Bereits Sokrates hat in diesem Fall den Ungehorsam vorgeschlagen; viele spĂ€tere Philosophen sind ihm darin gefolgt. Zu den historischen Ereignissen, in deren Kontext die Frage des Gehorsams bei verbrecherischen Befehlen (Handeln auf Befehl) von Angeklagten zu ihrer Entlastung vorgebracht wurden, zĂ€hlten in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg bei den Leipziger Prozessen der Fall der Ermordung der Ăberlebenden des Lazarettschiffs Llandovery Castle und nach dem Zweiten Weltkrieg die NĂŒrnberger Prozesse (1945â1949).cite-ref-295[293]
Dass viele Menschen angesichts von Befehlen persönliche moralische Verantwortung so offensichtlich verwerfen und bestreiten, hat seit den 1960er Jahren in der psychologischen Forschung mehrfach Experimente angeregt, in denen die Bereitschaft von Versuchspersonen getestet wurde, Gehorsam auch in Situationen zu leisten, in denen ethisch problematisches Verhalten angeordnet wird. Die bekanntesten davon sind die Gehorsams-Experimente (1961) von Stanley Milgram und das Stanford-Prison-Experiment (1971) von Philip Zimbardo, Craig Haney und Curtis Banks. Ein weiteres Beispiel ist das Astroten-Experiment (1966) von Charles K. Hofling. In jĂŒngerer Zeit sind diese Untersuchungen nicht nur ethisch, sondern auch methodisch zunehmend in die Kritik geraten.cite-ref-296[294]cite-ref-297[295] Aktuelle Beispiele fĂŒr psychologische Gehorsamsforschung sind das so genannte âMilgram Liteâ-Experiment (2009) von Jerry Burgercite-ref-298[296] sowie das âObjektzerstörungs-Experimentâcite-ref-299[297], das auf der so genannten âKĂ€fertötungsaufgabeâcite-ref-300[298] (2007) basiert. In den aktuellen Experimenten kamen weder Mensch noch Tier zu Schaden. Zudem wurden die Befunde frĂŒheren Untersuchungen weitgehend repliziert. Allerdings konnte eine Diffusion oder gar Ăbertragung der Verantwortung auf die AutoritĂ€t nicht bestĂ€tigt werden.cite-ref-301[299] Gehorsam wird in der Psychologie im begrifflichen Kontext von Anpassung und Beeinflussung und analog zu KonformitĂ€t untersucht.
Umfang der AutoritÀt
Elternhauserziehung
In der Elternhauserziehung der Westlichen Welt wird ein Anspruch auf Gehorsam heute nur in bestimmten Bereichen als legitim betrachtet. Die amerikanischen Forscher Elliot Turiel (1983) und Judith G. Smetana / Susan Chuang (2001) haben in empirischen Studien ermittelt, dass amerikanische Kinder, die elterliche AutoritĂ€t betreffend, im frĂŒhen Grundschulalter zwischen vier verschiedenen SphĂ€ren zu unterscheiden beginnen: a. der SphĂ€re des Privaten (z. B. Wahl der Freunde, der Musik, der Spiele), b. der moralischen SphĂ€re (Fragen von Richtig oder Falsch, basierend auf einem System, das auĂerhalb der Familie begrĂŒndet ist), c. der SphĂ€re der Aufsicht (prudential domain, Fragen von Sicherheit und Gesundheit) und d. der SphĂ€re der Konvention (nicht-moralische Fragen, die aber sozialen Normen betreffen, z. B. Gebrauch von Schimpfwörtern). Legitim ist ein Mitreden der Eltern nach EinschĂ€tzung der befragten Kinder und Jugendlichen nur in den drei letztgenannten Bereichen, wobei die Situation kompliziert wird, wenn Heranwachsende zunehmend Vieles, das von den Eltern als Frage der Konvention, der Moral oder der Sicherheit eingeschĂ€tzt wird, der persönlichen SphĂ€re zuordnen.cite-ref-302[300]cite-ref-303[301]cite-ref-darling-288-1[286]
Schulerziehung
Dass die Disziplin der Schule âsich nicht auf den ganzen Umfang der Existenz eines SchĂŒlers erstrecken kann, weil ihr nicht dieser ganze Umfang anvertraut istâ, stellte bereits Hegel 1811 explizit fest.cite-ref-304[302]
Rechtliche Perspektive (Deutschland)
Geschichte
PreuĂisches Allgemeines Landrecht
Im Allgemeinen Landrecht fĂŒr die PreuĂischen Staaten (prALR; in Kraft 1794â1900) war im Titel ĂŒber die âwechselseitigen Rechte[âŠ] und Pflichten der Aeltern und Kinderâ bestimmt: â§. 61. Kinder sind beyden Aeltern Ehrfurcht und Gehorsam schuldig.âcite-ref-305[303] Anwendung fand dieser Grundsatz etwa dann, wenn ein Kind sich ohne vĂ€terliche Einwilligung verheiratet hatte; nach § 1008 im Titel ĂŒber das Eherecht war der Vater dann berechtigt, dieses âungehorsameâ Kind bis auf die HĂ€lfte des Pflichtteils zu enterben.cite-ref-306[304] Ăhnlich wie Kinder ihren leiblichen Eltern waren auch âPflegebefohlneâ ihrem Vormund âEhrerbietung, Gehorsam, und Folgsamkeitâ schuldig.cite-ref-307[305]
Im § 117 des Titels ĂŒber die âRechte[âŠ] und Pflichten der Herrschaften und des Gesindesâ war bestimmt, dass Gesinde in dem Falle, dass âes sich beharrlichen Ungehorsam und Widerspenstigkeit gegen die Befehle der Herrschaft zu Schulden kommen lĂ€Ătâ, ohne AufkĂŒndigung â also fristlos â entlassen werden konnte.cite-ref-308[306] FĂŒr die Gehorsamspflicht des âSchiffsvolksâ gegenĂŒber dem âSchifferâ galten zum Teil Ă€hnliche Bestimmungen wie fĂŒr das Gesinde.cite-ref-309[307] Auf der Grundlage von § 295 des Titels ĂŒber den âBĂŒrgerstandâ waren auch Lehrlinge verpflichtet, dem Lehrherrn (bei dessen Verhinderung dem ersten Gesellen), âsowohl in Gewerks- als hĂ€uslichen Angelegenheitenâ Gehorsam zu leisten, was bis zu einem gewissen Grade auch Gesindedienste einschloss. Unter demselben Titel findet sich weiterhin § 380, der es einem Meister erlaubte, einen Gesellen, der sich âsich beharrlichen Ungehorsams und WiderspĂ€nstigkeit gegen die Anweisungen des Meisters schuldig machtâ, ohne AufkĂŒndigung zu entlassen.cite-ref-310[308]
Als weitere Personengruppe mit besonderen Gehorsamspflichten kannte das Allgemeine PreuĂische Landrecht die Beamten: â§. 2. Sie sind, auĂer den allgemeinen Unterthanenpflichten, dem Oberhaupte des Staats besondre Treue und Gehorsam schuldig.âcite-ref-311[309] âVergehungen wider die Subordinationâ waren strafbar.cite-ref-312[310]
Im Gegensatz etwa zum BĂŒrgerlichen Gesetzbuch, von dem es 1900 abgelöst wurde, enthielt das Allgemeine PreuĂische Landrecht auch eine Anzahl von kirchenrechtlichen Bestimmungen. So sah es u. a. vor, dass Geistliche âin Angelegenheiten ihres geistlichen Amtesâ ihrem vorgesetzten Bischof Gehorsam schulden.cite-ref-313[311] DarĂŒber hinaus waren die Kirchen jedoch auch gesetzlich angehalten, âihren Mitgliedern Ehrfurcht gegen die Gottheit, Gehorsam gegen die Gesetze, Treue gegen den Staat, und sittlich gute Gesinnungen gegen ihre MitbĂŒrger einzuflöĂenâ.cite-ref-314[312] Die Absicherung gegen Glaubensgemeinschaften â vor allem Sekten â, deren LehrsĂ€tze den weltlichen Gesetzen widersprachen, war auch im strafrechtlichen Teil des Allgemeinen PreuĂischen Landrechts verankert.cite-ref-315[313]
Deutsches Kaiserreich und Weimarer Republik
1900 wurde im Deutschen Kaiserreich das BĂŒrgerliche Gesetzbuch (BGB) eingefĂŒhrt. Die Wörter âGehorsamâ und âgehorchenâ kamen darin von Anfang an nicht mehr vor; die GehorsamsverhĂ€ltnisse als solche wurden jedoch keineswegs aufgehoben. BezĂŒglich des kindlichen Gehorsams etwa hieĂ es nun: â§. 1626. Das Kind steht, solange es minderjĂ€hrig ist, unter elterlicher Gewalt.âcite-ref-316[314] Dieser Sprachgebrauch blieb bis 1979 bestehen und wich dann dem Konzept der elterlichen Sorge.cite-ref-317[315]
Schon 1872 war das MilitĂ€r-Strafgesetzbuch fĂŒr das Deutsche Reich eingefĂŒhrt worden, dessen §§ 89â113 die Rechtsfolgen bei verschiedenen Formen von soldatischem Ungehorsam regelten. Die schwerstmögliche Strafe, die bei Ungehorsam im Felde verhĂ€ngt werden konnte, war lebenslĂ€ngliche Freiheitsstrafe.cite-ref-318[316]
Das Beamtenrecht wurde im Deutschen Kaiserreich 1873 im Reichsbeamtengesetz (RBG) geregelt. Statt von âGehorsamâ ist in diesem Text die Rede davon, dass Beamte bestimmten Anordnungen âFolge leistenâ mĂŒssen.cite-ref-319[317]
Nationalsozialismus
Das Beamtenrecht wurde 1937 im Deutschen Beamtengesetz neu geregelt, das der nationalsozialistischen Ideologie verpflichtet war und die deutschen Beamten ausdrĂŒcklich zu âVollstrecker[n] des Willens des von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei getragenen Staatesâ machte.cite-ref-320[318] In § 1 hieĂ es u. a.:
âDer Staat fordert von dem Beamten unbedingten Gehorsam und Ă€uĂerste PflichterfĂŒllung [âŠ]â
â
Deutsches Beamtengesetz, § 1 (3)
Explizit bezogen war diese Gehorsamspflicht auf Vorgesetzte und auf Adolf Hitler.cite-ref-322[320] Eine juristische Besonderheit war die Verpflichtung des Beamten auch zur âTreueâ gegen das Deutsche Reich und gegen Hitler, wobei die letztere ausdrĂŒcklich als eine âTreue bis zum Todeâ bestimmt war.cite-ref-323[321] § 7 des Gesetzes, der die Gehorsamspflicht im Detail regelte, band die Amtshandlungen des Beamten allerdings ans Gesetz und verbot ihm die Befolgung einer Anordnung, die âfĂŒr ihn erkennbar den Strafgesetzen zuwiderlaufen wĂŒrdeâ.cite-ref-324[322]
Die Bestimmungen des MilitĂ€r-Strafgesetzbuches fĂŒr das Deutsche Reich ĂŒber âStrafbare Handlungen gegen die Pflichten der militĂ€rischen Unterordnungâ wurden im Zweiten Weltkrieg verschĂ€rft; von 1940 an konnte beispielsweise bei Gehorsamsverweigerung (§ 94) die Todesstrafe verhĂ€ngt werden.cite-ref-325[323]
Bundesrepublik Deutschland
An die Stelle des nationalsozialistischen Beamtengesetzes trat in der Bundesrepublik Deutschland 1953 das Bundesbeamtengesetz (BBG), dessen § 52 die Beamten â in expliziter Abgrenzung zum VorlĂ€ufergesetz â âdem ganzen Volkeâ verpflichtete. Auch dieses Gesetz schrieb vor, dass Beamte die Anordnungen ihrer Vorgesetzten ausfĂŒhren und deren allgemeine Richtlinien im Regelfall befolgen mĂŒssen. Anders als das NS-Beamtengesetz sah das BBG jedoch vor, dass âder Beamte [âŠ] fĂŒr die RechtmĂ€Ăigkeit seiner dienstlichen Handlungen die volle persönliche Verantwortungâ trĂ€gt und Bedenken gegen eine möglicherweise nicht gesetzeskonforme Anweisung unverzĂŒglich melden mĂŒsse.cite-ref-326[324]
Gegenwart
Staatliches Recht
In Deutschland ist auch heute eine Gehorsamspflicht in bestimmten FĂ€llen gesetzlich festgeschrieben; betroffen sind ausschlieĂlich sogenannte SonderrechtsverhĂ€ltnisse. Das 2009 reorganisierte Bundesbeamtengesetz (BBG) beschreibt in seinen neuen §§ 62-63 eine âFolgepflichtâ der Beamten, die inhaltlich dem entspricht, was bereits seit 1953 galt.
Strafgefangene waren in Deutschland die lĂ€ngste Zeit bis zu einem gewissen Grade rechtlos gestellt. Die wenigen existierenden Bestimmungen zum Strafvollzug waren Teil des Strafgesetzbuchs (z. B. Reichsstrafgesetzbuch von 1871).cite-ref-327[325] Zu einer umfassenden Verrechtlichung der GefĂ€ngnisse und damit auch des Strafvollzugs kam es in Westdeutschland erst im Anschluss an die GroĂe Strafrechtsreform mit dem Inkrafttreten des Strafvollzugsgesetzes (StVollzG, 1977), in dem die Rechte und Pflichten von Strafgefangenen seitdem geregelt sind. Auf der Grundlage von § 82 dieses Gesetzes sind Strafgefangene verpflichtet, Anordnungen der Vollzugsbediensteten zu befolgen.
Im Soldatengesetz (SG), das seit seinem Inkrafttreten im Jahre 1956 die rechtliche Stellung der Soldaten der deutschen Bundeswehr regelt, wird der Rahmen fĂŒr den Gehorsam folgendermaĂen bestimmt:
â(1) Der Soldat muss seinen Vorgesetzten gehorchen. Er hat ihre Befehle nach besten KrĂ€ften vollstĂ€ndig, gewissenhaft und unverzĂŒglich auszufĂŒhren. Ungehorsam liegt nicht vor, wenn ein Befehl nicht befolgt wird, der die MenschenwĂŒrde verletzt oder der nicht zu dienstlichen Zwecken erteilt worden ist; die irrige Annahme, es handele sich um einen solchen Befehl, befreit den Soldaten nur dann von der Verantwortung, wenn er den Irrtum nicht vermeiden konnte und ihm nach den ihm bekannten UmstĂ€nden nicht zuzumuten war, sich mit Rechtsbehelfen gegen den Befehl zu wehren. (2) Ein Befehl darf nicht befolgt werden, wenn dadurch eine Straftat begangen wĂŒrde. Befolgt der Untergebene den Befehl trotzdem, so trifft ihn eine Schuld nur, wenn er erkennt oder wenn es nach den ihm bekannten UmstĂ€nden offensichtlich ist, dass dadurch eine Straftat begangen wird. (3) Im VerhĂ€ltnis zu Personen, die befugt sind, dienstliche Anordnungen zu erteilen, die keinen Befehl darstellen, gelten § 62 Absatz 1 und § 63 des Bundesbeamtengesetzes entsprechend.â
â
Soldatengesetz, § 11 Gehorsam
Das 1957 in Kraft getretene Wehrstrafgesetz regelt die Rechtsfolgen sowohl bei rechtswidrigen Taten, die auf Befehl begangen werden, als auch bei Ungehorsam, Gehorsamsverweigerung und anderen Formen des Nichtfolgens von Befehlen; bei den letztgenannten âStraftaten gegen die Pflichten der Untergebenenâ sind Freiheitsstrafen von bis zu fĂŒnf Jahren vorgesehen.cite-ref-329[327]
Kirchliches Recht
GebrĂ€uchlich sind die Wörter âGehorsamâ und âgehorchenâ bis in die Gegenwart auch im kirchlichen Recht, etwa im kanonischen Recht der römisch-katholischen Kirche. Im aktuellen Codex Iuris Canonici findet sich zum Beispiel der Wortlaut: âWas die geistlichen Hirten in Stellvertretung Christi als Lehrer des Glaubens erklĂ€ren oder als Leiter der Kirche bestimmen, haben die GlĂ€ubigen im BewuĂtsein ihrer eigenen Verantwortung in christlichem Gehorsam zu befolgen.âcite-ref-330[328]
Siehe auch
Literatur
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âą Mathias Wirth: Distanz des Gehorsams â Theorie, Ethik und Kritik einer Tugend. Mohr Siebeck, TĂŒbingen 2016, ISBN 978-3-16-154086-8.
Spezialthemen
âą Pierre Bourdieu: Homo academicus. Suhrkamp, Frankfurt 1988, ISBN 3-518-57893-6 (das Original ist im Jahre 1984 erschienen; ĂŒber Hierarchien innerhalb französischer Hochschulen).
Weblinks
Commons
: Obedience
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: gehorsam
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Wikiquote: Gehorsam
â Zitate
âą Literatur von und ĂŒber Gehorsam im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
âą Friedhelm BrĂŒggen: AutoritĂ€t, pĂ€dagogisch. (PDF) In: Zeitschrift fĂŒr PĂ€dagogik, Band 53, Nummer 5, September/Oktober 2007. S. 602â614, hier: S. 603, abgerufen am 22. Mai 2023.
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Einzelnachweise
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